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Ohne geht es nicht

Schon seit Jahren sinken die Ausbil­dungs­zahlen bei Rechts­an­walts- und Notar­fachan­ge­stellten. Dabei werden sie trotz Legal Tech so dringend gebraucht, wie selten zuvor.

Der Markt ist nahezu leer gefegt, der Nachwuchs bleibt aus. Im Jahr 1980 wurden von rund 36.000 Rechtsanwälten noch mehr als 10.000 Ausbil­dungs­verträge im Berufsfeld Reno (Rechts­an­walts- und Notar­fachan­ge­stellte) und Refa (Rechts­an­walts­fachan­ge­stellte) abgeschlossen. Im Jahr 2017 waren es bei mehr als 160.000 Anwältinnen und Anwälten nur noch knapp über 3.300 Ausbil­dungs­verträge. „Die Situation ist verheerend“, sagt Ronja Tietje, Rechts- und Notar­fach­wirtin und Vorstands­mit­glied des deutschen Reno Bundes­ver­bandes. „Der Druck, der auf den Kolle­ginnen lastet, ist enorm. Wenn ältere Mitar­bei­te­rinnen in Rente gehen, bleiben die Stellen häufig unbesetzt“, sagt Tietje. Denn immer weniger Renos und Refas kommen nach.

Nach einer aktuellen Studie des Soldan Instituts würden 49 Prozent der befragten Rechtsanwälte gerne Reno-Fachper­sonal einstellen, finden aber keine geeig­neten Bewerber. Es scheint, als seien digitale Assis­tenten und Legal Tech eben nicht ausrei­chend, um einem Grundbedürfnis des Mandanten gerecht zu werden: Sich als Mandant in guten Händen betreut zu wissen. Gerade hier werden Renos und Refas in Zukunft gebraucht: als Mandats- und Mandan­ten­be­treuer. Doch es gibt einfach nicht genug von ihnen.

„Der Mangel ist da und er ist drastisch“, sagt Dr. Ulrich Prutsch, Vorsit­zender des Reno-Ausschusses des Deutschen Anwalt­vereins. Renos und Refas würden in den Kanzleien für die Mandats- und Mandan­ten­be­treuung gebraucht. Technik könne den Mangel zu einem gewissen Teil ausgleichen. „Aber Technik kann keine Entschei­dungen treffen.“ Eine gut ausge­bildete Refa oder Reno hingegen könne viele Aufgaben selbstständig bewältigen und dadurch den Anwalt entscheidend entlasten. Nach Auffassung von Prutsch müssten Anwälte nun auch darüber nachdenken, wie sie ihre Renos und Refas halten können. „Es geht um angemessene Bezahlung – aber nicht nur.“ Wichtig sei ein gutes Arbeits­klima. Zudem könnten Rechtsanwälte ihren Mitar­beitern etwa durch flexible Arbeits­zeiten in der Lebens­ge­staltung entge­gen­kommen. Zudem sollte in die Weiter­bildung der Mitar­beiter inves­tiert werden.

Fachhoch­schul­studium als Jurist attrak­tiver als Reno-Beruf

Fraglich ist, ob sich der Trend bei den Ausbil­dungs­zahlen umkehren lässt. „Es gibt einen Trend zu Akade­mi­sierung“, sagt Prof. Dr. Matthias Kilian, Direktor des Soldan Instituts. „Wer früher noch zwischen Reno- Ausbildung und einem Universitätsstudium stand, hat heute viel mehr Möglich­keiten, etwa ein kompaktes Fachhoch­schul­studium zum Wirtschafts­jurist mit Bache­lo­rab­schluss.“ Gut quali­fi­zierte Schulabgänger mit Interesse an den Rechts­be­rufen, die früher eine Ausbildung begonnen hätten, entscheiden sich heute im Zweifel für das Studium. „Top-Quali­fi­zierte Auszu­bil­dende in spe werden also nicht mehr in dem Maße wie noch vor 20 oder 30 Jahren erreicht.“

Das Soldan-Institut hat in einer groß angelegten Studie das vielschichtige Verhältnis von Rechtsanwälten zu ihren nicht-anwalt­lichen Mitar­beitern analy­siert. Insgesamt hapert es an Zusam­men­arbeit von Rechtsanwälten und Renos. In fast allen Kategorien, sei es die Kommu­ni­ka­ti­ons­qualität, bei der sozialen Unterstützung oder der einfachen Frage, ob der Anwalt gut zuhört, schätzen sich die Anwälte besser ein als ihre Mitar­beiter. Zwischen 20 und 30 Prozent­punkten liegen die Einschätzungen teilweise ausein­ander.


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