Rechtsdienstleistungen

Digitaler Wandel ermöglicht digitalen Rechtsrat

Klick, Klick, Recht: Mandanten drücken ihren Finger nicht mehr auf den goldenen Klingel­knopf der Kanzlei sondern auf die Enter­taste der Tastatur. Nicht nur junge Menschen suchen alles, was sie für das tägliche Leben brauchen im Internet – und finden es auch. Der digitale Wandel ändert den Markt für Rechts­dienst­leis­tungen schlei­chend – aber so grund­legend wie selten zuvor.

Seien es Bücher oder Stromanbieter, Lebenspartner oder Verkehrsinformationen. Warum nicht auch Rechtsrat? Die Digitalisierung von Informationen, Kommunikation und Arbeitsprozessen erfasst auch den Markt für Rechtsdienstleistungen.War das Recht einst exklusives Wissen, wird juristisches Know-how nun für viele verfügbar – und manche juristische Erkenntnis wird von neuen digitalen Angeboten entzaubert. Das kann am Ende sogar Anwältinnen und Anwälten das Arbeiten erleichtern. Bereits jetzt haben sich im Netz Plattformen und Dienste etabliert, welche den Bereich der außergerichtlichen Streitbeilegung und Rechtsdienstleistung verändern. Aber auch die Art, wie in Zukunft rechtliche Information zur Verfügung gestellt wird, könnte sich durch neue digitalisierte Angebote wandeln. Wie diese neue Realität aussehen wird, lässt sich mit einem Blick auf den Anwaltsmarkt in den USA erahnen. Unternehmen und Kanzleien setzen dort bereits seit einigen Jahren verstärkt auf Mandatsakquise und -bearbeitung über Internetplattformen und auf online verfügbare und digital aufbereitete Rechtsinformationen. Automatisiert Recht bekommen – ohne es zu kennen Elektronische Streitbeilegung ist nichts Neues. E-Bay und Pay Pal lösen damit seit Jahren rund 60 Millionen Streitigkeiten pro Jahr – 90 Prozent davon ohne menschliche Intervention. E-Bay verfügt heute über die größte Plattform zur Streitbeilegung im Web. Das hierfür entwickelte, auf einem Algorithmus basierende Tool Modria wird seit 2011 auch anderen Unternehmen bereitgestellt. Mithilfe von Modria können Unternehmen den Kundenservice bei Beschwerden unkompliziert abwickeln. Der Kunde gibt seine Kundeninformationen sowie das Problem in ein Kontaktformular ein. Modria analysiert diese Informationen unter Beachtung der AGB des Unternehmens, beispielsweise zu Rückgabe und Erstattung, und nach den Kulanzvorgaben des Kunden. In Echtzeit macht Modria dann dem Kunden online einen Lösungsvorschlag. Die automatisierte Form soll in neun von zehn Fällen erfolgreich sein, heißt es auf der Website des Anbieters. Nur wenn die automatisch erstellte Lösung für den Kunden nicht zufriedenstellend ist, wird persönlicher Kontakt zu einem Berater her gestellt. Modria ermöglicht so eine ökonomisch effektive Auflösung von häufig auftretenden Konflikten. Es geht weniger um den Rechtsfrieden als um Kundenzufriedenheit – und dazu gehört vor allem ein schnelles unbürokratisches Ausräumen des Konflikts.


Standardisierte Konfliktlösung über das Internet will auch die EU fördern. Die ODR-Verordnung, also die Verordnung über die Online-Beilegungen verbraucherrechtlicher Streitigkeiten, gilt seit dem 1. Januar 2016. Mit ihr wurde eine ODR-Plattform (online dispute resolution platform) als virtuelles Forum geschaffen, das Verbrauchern bei der Konfliktlösung nach dem Kauf von Produkten oder der Inanspruchnahme von Dienstleistungen über das Internet innerhalb der EU helfen soll. Die Streitigkeiten werden dann zu den ADR-Stellen (alternative dispute resolution bodies) weitergeleitet. Ob das Modell einer Informations- und Fallverteilungs-Website ähnlich erfolgreich sein wird wie die Streitbeilegung mit Modria, wird sich erst in Zukunft zeigen.


Zurück