Porträt

Steffen Ahrens: Standes­recht war gestern

Steffen Ahrens vertritt mit Lust am Recht Mandanten aus ganz Norddeutschland. Und zieht vor den Anwaltssenat des BGH, wenn es um seinen Beruf geht. Warum sollen Anwälte nicht mit Berufsbetreuern und Mediatoren eine Bürogemeinschaft unterhalten?

1984–1992
Gymnasium Walsrode

1994–1999
Jurastudium Universität Hannover

1999–2001
Referendariat

2001
Selbstständiger Rechtsanwalt in Soltau

2005
Fachanwalt für Arbeitsrecht und
für Sozialrecht

2006
Eigene Kanzlei in Bad Fallingbostel

 

 

 

Es gibt einen Satz, der Steffen Ahrens beschreibt, weil er ihn nie, wirklich niemals sagen würde. „Das war schon immer so.“ Vielleicht kann man sogar so weit gehen und behaupten: „Das war schon immer so“ ist eine Haltung, an der sich Ahrens reibt, seit er selbst denken kann. Als Teenager, als er alles andere als ein pflege­leichter Schüler ist. Als 19-jähriger Ratsherr des Städtchens Falling­bostel, dessen Bürgermeis­ter­kan­didat er Jahre später werden sollte – erfolglos. Und als Parteigänger. Nach 25 Jahren in der SPD tritt Ahrens 2016 aus der Partei aus, der schon sein Vater angehörte. „Die Schnitt­menge stimmte einfach nicht mehr“, sagt Ahrens, „die Haltung der Partei zur Vorrats­da­ten­spei­cherung brachte das Fass zum Überlaufen.“ Andere warten ab, arran­gieren sich, suchen ihre Nischen. „Ging nicht mehr“, sagt Ahrens heute knapp. Nur weil das eben schon immer so war.

Seit 12 Jahren führt er jetzt seine eigene Kanzlei in Bad Falling­bostel – wobei der Terminus „eigene Kanzlei“ für seinen weiteren Berufsweg noch eine nicht unerheb­liche Rolle spielen wird, wenn es um die Frage geht, wen nieder­ge­lassene Rechtsanwälte eigentlich Partner nennen dürfen. Ahrens’ Rechts­ge­biete: Arbeits- und Sozial­recht, und dann immer wieder auch Verkehrs­recht. „Es gibt genug zu tun“, sagt Ahrens. Die Kanzlei ist im Erdge­schoss eines kleinen Rotklin­ker­hauses an einer vielbe­fah­renen Straße unter­ge­bracht. Die Einrichtung: nüchtern, sie dient einem Zweck und nicht dem Versuch, Mandanten mit Pomp vom Erfolg ihres Anwalts zu überzeugen. Sein Team: Schon lange an Bord, und, wie Ahrens betont, hoffentlich auch noch lange. Denn die Mitar­bei­ter­suche ist schon in den Anwalts­hauptstädten nicht leicht, auf dem Land erst recht kein Kinder­spiel.

Und so versucht der 46-Jährige, ein guter Chef zu sein und setzt sich neuer­dings vormittags eine halbe Stunde mit dem Team zusammen, um den Tag zu besprechen und auch den Raum für Privates zu bieten. „Wenn ich mir die Zeit dafür nicht explizit nehme, passiert das sonst nie.“ Ein Satz, der den Mensch Ahrens gut beschreibt. Seine Kolle­ginnen haben ihn dazu gebracht, auch mal innezu­halten. Vielleicht würde er das sonst nie machen, nicht nur im Büro nicht.

Es gibt doch so viel zu tun! Der Mandan­ten­strom reißt einfach nicht ab und das soll er anderer­seits auch nicht – ein altbe­kanntes Dilemma nieder­ge­las­sener Anwälte. „Ablehnen will ich eigentlich nicht, wenn der Fall zu meinen Spezia­li­sie­rungen passt“, sagt Ahrens. Wer ein Problem mit dem Arbeit­geber (oder auch mal Arbeit­nehmer) hat, soll in der Region „zu Ahrens“ gehen. Wer den Staat oder andere Organe auf Sozial­leis­tungen verklagen will, ebenso. Oder wenn es auf der Straße gekracht hat. Seit 2005 ist Ahrens Fachanwalt für Arbeits­recht sowie für Sozial­recht. An zwei Nachmit­tagen geht jetzt trotz Tages­geschäft in der Kanzlei nur der Anruf­be­ant­worter ran, damit der Betrieb mal in Ruhe über ein paar Stunden hinweg die Akten­berge reduziert. Aber dann sind da ja noch die Termine vor Gericht, und die sind eben nicht fußläufig erreichbar, sondern mal in Lüneburg, Hamburg, Celle, Hannover oder Bremen. Radius: 50 bis 150 Kilometer. Strecken, die er bis vor ein paar Monaten mit dem Famili­enauto zurückgelegt hat. Das war schon immer so. Aber geht das auch anders?

An einem sonnigen Frühsommertag gleitet fast lautlos ein silber­far­bener Tesla auf den Parkplatz des Sozial­ge­richts Lüneburg, laute Heavy-Metal-Musik stoppt, die Tür geht auf und ein gut gelaunter Steffen Ahrens eilt seinen Mandanten entgegen. In der linken Hand hält er die Robe, leicht zerknüllt, die Rechte ist zum Schütteln ausge­streckt. Er kommt ohne Zwischen­laden eigentlich überall hin und auch wieder zurück. Warum also nicht Pionier sein und beweisen, dass E-Mobilität auch auf dem Land funktio­niert – und es eben immer auch anders geht?

Was vor Gericht als unauf­re­gender Verständigungs­termin in einem Verfahren über die strittige Zahlung von Kranken­kas­sen­beiträgen beginnt, wird im weiteren Verlauf zu einem kleinen Gerichts­schau­spiel. Leicht verkürzt lässt sich der Fall so darstellen: Musste ein seit Jahrzehnten in Deutschland lebender Italiener, der seit rund 20 Jahren eine deutsche und italie­nische Rente bezieht, wissen, dass er seit einer Gesetzesänderung vor einigen Jahren auf die ausländischen Renteneinkünfte Kranken­kas­sen­beiträge zahlen muss? Und warum hat ihn seine Kranken­kasse nicht darauf hinge­wiesen, wo sie seine Einkünfte aus anderen Gründen doch kannte?

Am Ende wird die Vertre­terin der Kranken­kasse mehrere Male hektisch auf dem Gerichtsflur telefo­niert haben, die Richterin mit genervt noch zurückhaltend beschrieben sein. Und Ahrens? Sieht die offene Flanke, könnte die Situation mühelos ausnutzen, mit Theater­donner die Absurdität des Verfahrens unter­streichen und so vermeintlich Boden gut machen. Mag sein, dass ihn die Walsroder Lokal­zeitung in einem Artikel mal zweideutig „streitbar“ genannt hat. Und was er selbst vermutlich als widerständig beschreiben würde, könnten andere bockig nennen. Aber ein Streit­dar­steller ist er nicht, der die Gelegenheit nutzt, sich auf Kosten seiner Mandanten ins rechte Licht zu setzen. Im Gegenteil. Ahrens schweigt, legt beruhigend die Hand auf den Arm seines Mandanten, als der – nervös – inter­ve­nieren will. Ahrens geht es ums Ergebnis – und nicht den Weg dorthin.

Diese Einstellung ist effizient – und wird oft unterschätzt. Denn die Zielori­en­tierung bedeutet nicht, dass Ahrens den Weg scheuen würde. Er hat das in den vergan­genen Monaten mit einem Prozess­ma­rathon bewiesen, der ihn einiges an Geld und Zeit gekostet hat und den er am Ende verlor. Einst­weilen. Das Urteil, das ihm die Niederlage einbrachte, ist überdies sehr konkret auf den Einzelfall gefasst und wenig geeignet, die strittige Sache abschließend zu regeln. So sieht es Ahrens. Zwei Haltungen standen sich gegenüber. „Das war schon immer so“ traf auf „Alte Zöpfe sind zum Abschneiden da.“ Ahrens Fazit: „Würde ich heute genauso wieder machen.“

Anlass des Streits war etwas, das heute in vielen Branchen längst Normalität ist. „Im Lauf ihres Berufs­lebens schlagen Menschen eben mal einen neuen Weg ein“, sagt Ahrens und schüttelt den Kopf. Sein einstiger Sozius, Rechts­anwalt wie Ahrens, wollte für eine unbestimmte Zeit seine Zulassung zurückgeben, um als Berufs­be­treuer und Mediator zu arbeiten. Später plante er, zusätzlich als Angestellter bei der Bundes­an­stalt Migration und Flüchtlinge zu arbeiten. Weil Ahrens das Berufs­recht der Rechtsanwälte gut kannte, bat er seine Kammer in Celle um eine Einschätzung. Können wir uns weiterhin ein Büro teilen? „An unserem Alltag würde sich ja nichts ändern“, sagt Ahrens heute, „nur wäre mein Partner eben nicht mehr Rechts­anwalt.“ Geht das also, Rechts­anwalt und Betreuer/Mediator in einem Büro?

Die Celler sagten nein, verwiesen auf das Berufs­recht, und Ahrens sagte: Das wollen wir doch mal sehen. Er verlor in der nächsten Instanz beim Anwalts­ge­richtshof Nieder­sachsen. Und kam dem Berufs­stand der Juristen näher, als es ihm manchmal lieb war. Auf das Mantra „Das war schon immer so“ traf er nun immer gehäufter. Und auf die hinter vorge­hal­tener Hand geäußerte Einschätzung, in der Sache habe er ja recht, „aber“. So erzählt Ahrens seine Version der Geschichte. Rechtsanwälte könnten Bürogemein­schaften nicht mit Media­toren und Berufs­be­treuern unter­halten, da an den Status als Geheim­nisträger besondere Anfor­de­rungen gerecht­fertigt seien – das war die Auffassung des Anwalts­senats des BGH (BGH, AnwBl 2018, 297).

„Was für ein antiquiertes Berufs­verständnis steckt denn hinter dieser Argumen­tation“, sagt Ahrens, der nicht etwa das Berufs­recht vom Kopf auf die Füße stellen will, aber kein Standes­recht will, das noch aus einer Zeit stammt, als Rechtsanwälte Akten­schrank um Akten­schrank mit Papier füllten. „Wir sind mobil, dienst­leis­tungs­ori­en­tiert, auf dem neuesten Stand, aber tun so, als wären wir mitten in den Achtzigern“, sagt Ahrens. „Und dann wünsche ich mir, dass man mich meinen Beruf einfach machen lässt.“

Hatte das Bundes­ver­fas­sungs­ge­richt nicht gerade erlaubt, dass Rechtsanwälte mit Apothekern und Ärzten gemeinsame Sache machen dürfen und entspre­chend fortschrittlich argumen­tiert, dass „die begrenzte Überschau­barkeit und zuneh­mende Komplexität moderner Lebens- und Wirtschaftsverhältnisse zur Folge (habe), dass Rechts­fragen oft nicht ohne profes­sio­nellen Sachver­stand aus anderen Berufen ausrei­chend beant­wortet werden können?“ Und hatten die Richter nicht sogar gesehen, dass „die Nachfrage nach kombi­nierten inter­pro­fes­sio­nellen Dienst­leis­tungen wächst“?

Es gibt ein Foto, das Ahrens mit seinen Anwälten in Karlsruhe beim BGH zeigt. Die drei Männer schauen gelöst in die Kamera, Ahrens lächelt glücklich, obwohl er verloren hat. „Vor dieses Gericht kommt man ja nicht so oft“, sagt er heute trocken. Für den Moment liegt die „Das war schon immer so“-Fraktion noch eine Paragra­phenlänge vorne. Aber Ahrens ist erst Mitte vierzig und nimmt gerade richtig Fahrt auf. Das älteste seiner drei Kinder hat das Nest schon verlassen, die beiden anderen gehen aufs Abitur zu. Ahrens hat auch schon ein paar Ideen, wie er die nächsten Jahrzehnte im Beruf verbringen wird, will sich aber nicht allzu sehr in die Karten schauen lassen. Einer wie Ahrens, der sich Zeit seines Lebens einge­mischt hat, geht nicht plötzlich auf den Golfplatz, um an seinem Handicap zu feilen.

Wenn Ahrens abschalten will, dreht er in seinem Tesla die Musik­anlage auf und lässt Iron Maiden, Metallica oder Slayer aus den Boxen dröhnen. Gut möglich, dass der eine oder andere Trecker­fahrer auf der B209 zwischen Ameling­hausen und Soltau regelmäßig von einem geräuschlosen Silber­pfeil überholt wird, an dessen Steuer der headban­gende und laut mitsin­gende Rechts­anwalt aus Bad Falling­bostel sitzt und für kurze Zeit das Arbeits­recht Arbeits­recht und das Sozial­recht Sozial­recht sein lässt. „Heavy Metal“, sagt Ahrens, der sich mit Mitte zwanzig die weit über die Schulter gewach­senen Haare abschneiden ließ, „Heavy Metal ist die fried­lichste Musik, die es gibt.“

 


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