Porträt

Steffen Ahrens: Standes­recht war gestern

Was vor Gericht als unauf­re­gender Verständigungs­termin in einem Verfahren über die strittige Zahlung von Kranken­kas­sen­beiträgen beginnt, wird im weiteren Verlauf zu einem kleinen Gerichts­schau­spiel. Leicht verkürzt lässt sich der Fall so darstellen: Musste ein seit Jahrzehnten in Deutschland lebender Italiener, der seit rund 20 Jahren eine deutsche und italie­nische Rente bezieht, wissen, dass er seit einer Gesetzesänderung vor einigen Jahren auf die ausländischen Renteneinkünfte Kranken­kas­sen­beiträge zahlen muss? Und warum hat ihn seine Kranken­kasse nicht darauf hinge­wiesen, wo sie seine Einkünfte aus anderen Gründen doch kannte?

Am Ende wird die Vertre­terin der Kranken­kasse mehrere Male hektisch auf dem Gerichtsflur telefo­niert haben, die Richterin mit genervt noch zurückhaltend beschrieben sein. Und Ahrens? Sieht die offene Flanke, könnte die Situation mühelos ausnutzen, mit Theater­donner die Absurdität des Verfahrens unter­streichen und so vermeintlich Boden gut machen. Mag sein, dass ihn die Walsroder Lokal­zeitung in einem Artikel mal zweideutig „streitbar“ genannt hat. Und was er selbst vermutlich als widerständig beschreiben würde, könnten andere bockig nennen. Aber ein Streit­dar­steller ist er nicht, der die Gelegenheit nutzt, sich auf Kosten seiner Mandanten ins rechte Licht zu setzen. Im Gegenteil. Ahrens schweigt, legt beruhigend die Hand auf den Arm seines Mandanten, als der – nervös – inter­ve­nieren will. Ahrens geht es ums Ergebnis – und nicht den Weg dorthin.

Diese Einstellung ist effizient – und wird oft unterschätzt. Denn die Zielori­en­tierung bedeutet nicht, dass Ahrens den Weg scheuen würde. Er hat das in den vergan­genen Monaten mit einem Prozess­ma­rathon bewiesen, der ihn einiges an Geld und Zeit gekostet hat und den er am Ende verlor. Einst­weilen. Das Urteil, das ihm die Niederlage einbrachte, ist überdies sehr konkret auf den Einzelfall gefasst und wenig geeignet, die strittige Sache abschließend zu regeln. So sieht es Ahrens. Zwei Haltungen standen sich gegenüber. „Das war schon immer so“ traf auf „Alte Zöpfe sind zum Abschneiden da.“ Ahrens Fazit: „Würde ich heute genauso wieder machen.“

Anlass des Streits war etwas, das heute in vielen Branchen längst Normalität ist. „Im Lauf ihres Berufs­lebens schlagen Menschen eben mal einen neuen Weg ein“, sagt Ahrens und schüttelt den Kopf. Sein einstiger Sozius, Rechts­anwalt wie Ahrens, wollte für eine unbestimmte Zeit seine Zulassung zurückgeben, um als Berufs­be­treuer und Mediator zu arbeiten. Später plante er, zusätzlich als Angestellter bei der Bundes­an­stalt Migration und Flüchtlinge zu arbeiten. Weil Ahrens das Berufs­recht der Rechtsanwälte gut kannte, bat er seine Kammer in Celle um eine Einschätzung. Können wir uns weiterhin ein Büro teilen? „An unserem Alltag würde sich ja nichts ändern“, sagt Ahrens heute, „nur wäre mein Partner eben nicht mehr Rechts­anwalt.“ Geht das also, Rechts­anwalt und Betreuer/Mediator in einem Büro?

Die Celler sagten nein, verwiesen auf das Berufs­recht, und Ahrens sagte: Das wollen wir doch mal sehen. Er verlor in der nächsten Instanz beim Anwalts­ge­richtshof Nieder­sachsen. Und kam dem Berufs­stand der Juristen näher, als es ihm manchmal lieb war. Auf das Mantra „Das war schon immer so“ traf er nun immer gehäufter. Und auf die hinter vorge­hal­tener Hand geäußerte Einschätzung, in der Sache habe er ja recht, „aber“. So erzählt Ahrens seine Version der Geschichte. Rechtsanwälte könnten Bürogemein­schaften nicht mit Media­toren und Berufs­be­treuern unter­halten, da an den Status als Geheim­nisträger besondere Anfor­de­rungen gerecht­fertigt seien – das war die Auffassung des Anwalts­senats des BGH (BGH, AnwBl 2018, 297).


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