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Reiz und Herausforderung komplexer Mandate: Was verbirgt sich hinter dem Kartellrecht, Sportrecht und Versicherungsrecht?

Ermittlungen gegen DFB-Funktionäre wegen dubioser Zahlungen, Millionen-Schadensersatzklagen nach Kartellverstößen oder Prozess-Serien gegen große Versicherungsunternehmen – Mandate wie diese sind in den Wirtschaftsteilen der Medien präsent und reizen viele junge Anwältinnen und Anwälte. Einen großen bekannten Mandanten zu vertreten ist lukrativ, Einzelpersonen gegen einen solchen einflussreichen Gegner zur Seite zu stehen, erfordert ganzen anwaltlichen Einsatz. Doch wie stehen derzeit die Chancen, in Branchen wie dem Kartell-, Versicherungs- oder Sportrecht als junge Juristin oder junger Anwalt einzusteigen? Der Trend ist eindeutig. Bei der Nachwuchssuche geht es um konkrete Vorstellungen: Die Kanzleien wissen, wen sie suchen – und zwar Bewerber, die wissen, was sie erwartet. Die Kanzleien suchen gezielt nach passenden Bewerbern. Es geht darum, Verstärkung für die kleinen und großen Mandate zu finden, um junge Kolleginnen und Kollegen, die schnell und umfassend eingearbeitet werden und das Team langfristig verstärken. So achten die Kanzleien auf die Schwerpunktsetzung im Studium, Stationen im Lebenslauf und persönliche Interessen. Zwar sind Prädikatsexamina und Promotion vor allemfür die Großkanzleien nach wie vor wichtige Indikatoren für die juristischen Fähigkeiten eines Berufsanfängers, aber sie sind inzwischen längst nicht mehr alles, was zählt. Das stellt zum einen höhere Anforderungen an die Bewerber, bietet aber zum anderen die Chance, sich auf verschiedenen Wegen interessant und attraktiv zu machen. Ein Auslandsaufenthalt – nach Möglichkeit im englischsprachigen Ausland und mit Abschluss eines LL.M. – ist in vielen Kanzleien inzwischen gefragter als der Doktortitel. Ebenso interessant für Kanzleien ist Branchenkenntnis und -verständnis: Wer selbst in einem Sportverein oder -verband aktiv ist, versteht wie eine Unternehmensfusion abläuft oder den Fachjargon der Wirtschaftsprüfer beherrscht, fällt den Kanzleien auf. Bewerbern sollte bewusst sein, dass man neben den juristischen Grundlagen auch immer die wirtschaftlichen Entwicklungen des Marktes im Blick haben muss – und dass Mandate besonders an den Schnittstellen von mehreren Rechtsgebieten spannend werden.

Nehmen und geben: Wann kann es losgehen? Ohne eine solide juristische Grundausbildung geht es natürlich nach wie vor nicht. Für etwa 30 Prozent der kleinen und mittelständischen Kanzleien bedeuten nur „ausreichende“ Examina das Aus der Bewerbung. Gute Noten im Examen zeugen von einer schnellen Auffassungsgabe, guten juristischen Grundfertigkeiten und Stressresistenz. Das wiederum verspricht eine zügige Einarbeitung der jungen Kollegin oder des jungen Kollegen – und das wiederum lässt das Einstiegsgehalt in die Höhe steigen. Immer mehr Kanzleien machen die Einstiegsgehälter nicht an einzelnen Kriterien wie der Note fest, sondern schauen, wie schnell sich der Bewerber oder die Bewerberin in die Arbeitsprozesse einbringen können wird. Eine Promotion ist besonders im spezialisierten Kartellrecht für die Kanzleien sehr interessant. Anders als vor einigen Jahren müssen junge Juristinnen und Juristen sich heute keine kritischen Fragen mehr zu den Gründen für Ortswechsel oder Auslandsaufenthalte gefallen lassen – sondern eher, warum sie noch keinen Blick über den Tellerrand geworfen haben. Der LL.M. oder Stationen im Ausland versprechen eine gewisse Selbständigkeit, Neugier und Selbstorganisation. „Ein Jahr im Ausland ist eine Herausforderung und eine Bereicherung, die man in Gold nicht aufwiegen kann“, sagt Rechtsanwalt Dr. Ingo Brinker von Gleiss Lutz (München). Fremdsprachenkenntnisse sind inzwischen eine zwingende Voraussetzung, verhandlungssicheres Englisch wird erwartet. Im Kartellrecht kann für Termine in Brüssel auch etwas Französisch nicht schaden. Honoriert wird von Kanzleien vor allem eine frühzeitige Spezialisierung. Doch wann und wo lässt es sich am geschicktesten damit beginnen? Kartell-, Sport-, und Versicherungsrecht gehören nicht zur Basisausbildung der Universitäten. Jedoch bieten viele Fakultäten und Anwaltsinstitute inzwischen Workshops und Schwerpunktveranstaltungen in den jeweiligen Bereichen an. Darüber hinaus empfehlen Praktiker im Kartellrecht, Erfahrungen beim Bundeskartellamt, der EU-Kommission oder bei einem Praktikum in einer großen Kanzlei in Brüssel zu sammeln. Im Versicherungsrecht kann die Tätigkeit in Versicherungsunternehmen, Maklerfirmen oder bei der Kammer für Handelssachen eines Landgerichts hilfreich sein, im Falle einer Spezialisierung auf das Transportversicherungsrecht bietet sich für Referendare der Fachanwaltslehrgang Transport- und Speditionsrecht an. Für eine Spezialisierung im Sportrecht lohnen sich Praktika bei Vereinen und Verbänden oder ein Blick in die Schiedsinstitutionen. Auch eigene Erfahrungen im Sport sind hilfreich, sei es nun als Leistungssportler oder Trainer der Dorffußballmannschaft. Allerdings ist es ebenso nützlich, die Fähigkeiten in einem bestimmten Bereich wie Arbeitsrecht oder Wettbewerbsrecht zu schärfen, denn reines Sportrecht gibt es so nicht. „Oft frage ich Bewerber: Was ist denn eigentlich Sportrecht? Hier zeigt sich dann, wer sich wirklich konkret mit seinem Berufswunsch auseinandergesetzt und seine rechtlichen Interessenschwerpunkte gefunden hat – Freude an der Sportbranche reicht da nicht aus“, sagt Rechtsanwalt Prof. Dr. Martin Schimke von Bird & Bird (Düsseldorf).

Das soll aber nicht bedeuten, dass diese Begeisterung nicht ebenso wichtig ist. Die Kanzleien wünschen sich Bewerber, die sich gezielt für das jeweilige Rechtsgebiet entscheiden und daran interessiert sind, sich fortzubilden. Es werden von den Kanzleien also keine „fertigen“ Anwältinnen und Anwälte erwartet. So investieren die Kanzleien in Fortbildungen und Fachanwaltskurse oder bieten nach Möglichkeit die Arbeit an einem Kanzleistandort außerhalb Deutschlands an. Man darf flexibel sein. Qualifizierte Berufseinsteiger haben derzeit nicht nur gute Aussichten auf eine erfolgreiche Bewerbung, sie werden sogar händeringend gesucht. Vor allem im Kartell- und Versicherungsrecht ist die Nachfrage hoch: Etwa 40 Prozent der Kanzleien suchen nach Nachwuchs. Besondere Nachfrage besteht in den Kanzleien jenseits der Anwaltshauptstädte, da es junge Anwältinnen und Anwälte nach dem Studium oder den ersten Berufserfahrungen immer seltener „in die Provinz“ zieht. Von den im Sportrecht tätigen Kanzleien wünschen sich etwa 20 Prozent anwaltliche Verstärkung für 2016. Und wie stehen die Chancen auf eine Partnerschaft? Über 80 Prozent der kleinen und mittelständischen Kanzleien sind an einer langfristigen Bindung auf Partnerschaftsebene interessiert. Die Möglichkeiten hier Partner zu werden, sind meist höher als in einer Großkanzlei. Im Schnitt beträgt die Zeit bis zur Partnerschaft 3 bis 6 Jahre. Doch nicht alle Bewerberinnen und Bewerber streben überhaupt noch eine Partnerreport schaft an. Beispielsweise nutzen junge Kartellrechtler verstärkt die Ausbildung in der Kanzlei, um später in der Rechtsabteilung eines Unternehmens anzufangen. Die Großkanzleien lassen den jungen Anwältinnen und Anwälten meist zu Beginn der Zusammenarbeit die Wahl, ob sie am Partnertrack überhaupt interessiert sind. Gerade für junge Juristinnen und Juristen stellt sich bei der Wahl des Arbeitsplatzes auch die Frage nach der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Darauf reagieren viele Kanzleien bereits: In jeder dritten mittelständischen Kanzlei sind Teilzeitmodelle vorgesehen, ebenso viele Kanzleien haben derzeit Einzelfalllösungen für die Elternzeit oder berufsbegleitende Promotionen. Doch funktioniert die Work-Life-Balance beispielsweise auch als Kartellrechtsanwältin in einer Großkanzlei, wenn Mandanten wegen einer Durchsuchung durch die Kartellbehörden kurzfristig Anwaltshilfe im Unternehmen brauchen? „Abgesehen von diesen speziellen Situationen sind die Verfahren in diesem Bereich zu organisieren – man muss sich aber auch trauen, sich Kinderzeiten zu schaffen, dann sind Familie und Beruf hervorragend vereinbar“, sagt Rechtsanwältin Dr. Daniela Seeliger von Linklaters (Düsseldorf). Auch im Sport- und Versicherungsrecht stehen sich Beruf und Familie nicht im Wege, zwar sind auch hier internationale Mandate nicht selten, jedoch ermöglichen moderne Kommunikationsmittel oder Partner vor Ort die Bearbeitung der Mandate, ohne dass spontan ins Flugzeug gestiegen werden muss. Verstehen, worum es geht.

Wie sieht der Alltag für junge Anwältinnen und Anwälte im Kartell-, Versicherungs oder Sportrecht also aus? Zurzeit liegt der Trend im Kartellrecht bei Schadensersatzklagen. Es gab in den vergangenen fünf Jahren vermehrt internationale Kartellverfahren, die durch die neue Kronzeugenregelung ausgelöst wurden. Die Geltendmachung von Schadensersatzansprüchen von Kartellgeschädigten ist gewissermaßen ein Annex dazu und wird auch in den kommenden Jahren zunehmen. Auch in den Bereichen Fusionskontrollverfahren und Compliance finden sich nach wie vor lukrative Mandate. „Da das Kartellrecht ein sehr spezialisiertes Rechtsgebiet ist, sollten Berufsanfänger darauf achten, von Anfang an einen Überblick über die gesamte Materie zu bekommen“, rät Rechtsanwalt Prof. Dr. Jan Bernd Nordemann von Boehmert & Boehmert (Berlin).Wichtig sind auch wirtschaftliches und technisches Verständnis sowie Kenntnisse im Bereich des Rechts am geistigen Eigentum, denn an Schnittstellen wie diesen wird das Kartellrecht besonders spannend. Rechtsanwältin Dr. Ines Zenke von Becker Büttner Held (Berlin) achtet bei jungen Kartellrechtlern neben den klassischen Einstellungsvoraussetzungen vor allem auf die „Begeisterungsfähigkeit für Märkte, Unternehmen und Politik.“ Die rechtlichen Konzepte im Bereich Kartellrecht sind beispielsweise mit denen in den USA gut vergleichbar, so bietet das Rechtsgebiet die Möglichkeit, weltweit zu beraten und sich mit anderen Jurisdiktionen auseinanderzusetzen. Die jungen Anwältinnen und Anwälte sollten Interesse anWaren und Dienstleistungen haben, Märkte im Detail verstehen und im Fachjargon mitreden können. „Es kommen beständig neue Produkte auf den Markt und dadurch treten neue Fragen auf. Hier ist dann jede Menge Raum für Argumentationen, was den Spaß an der juristischen Arbeit ausmacht“, sagt Rechtsanwalt Dr. Achim Herbertz von Spieker & Jaeger (Dortmund). Doch auch außerhalb der Kanzlei sollten junge Juristinnen und Juristen aktiv sein: „Man braucht Akquisitionsbereitschaft in Bezug auf Mandanten, am besten über die Herstellung und Pflege persönlicher Kontakte zu Entscheidungsträgern, sonst über Fachvorträge und wissenschaftliche Veröffentlichungen“, empfiehlt Rechtsanwalt Dr. Ulrich Schnelle von Haver & Mailänder (Stuttgart).


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