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Anwaltseinstieg

Vom öffent­lichen Dienst in die Anwalt­schaft – drei Menschen, drei Erfah­rungen

Drehtür, in die ein Mensch rein- und wieder raushüpft.

Wofür sich durch ein Jurastudium und zwei Examina quälen? Was ist besser? Die Arbeit in der Justiz oder in der Anwaltschaft? Drei Lebensläufe zeigen, wie junge Juristinnen und Juristen ihren Platz finden.

Vom Traum­beruf Richter zum Anwalts­beruf: Ein Wechsel

Für Volker Bache stand im Grund­studium fest, was er nach dem Abschluss an der Universität beruflich tun wollte: als Richter arbeiten. „Es war mein Traum­beruf“, erinnert sich der 37-jährige Bonner. Ihm liege „das Streit­sch­lich­tende, die ruhige, ausge­gli­chene Heran­ge­hens­weise an Fälle.“

So blieb er zunächst der Tradition in seiner Familie treu, wo es immer einen „Hang zum Staats­dienst“ gegeben habe. Seine Karriere begann Volker Bache an der 18. Zivil­kammer des Bonner Landge­richts, wo er das private Baurecht für sich entdeckte. Dort zeige sich „die schöne Seite der Justiz, weil im Baurecht oft technisch komplexe Sachver­halte entschei­dungs­er­heblich sind“. Deren Aufklärung sei meist erst durch teure Sachverständige möglich, „weshalb hier die ausglei­chende Funktion der Justiz besonders gefragt ist.“

Da für Richter auf Probe noch keine Ortsbindung gilt, sind Standort- und Rechts­ge­biets­wechsel gängige Praxis und im Sinne eines Erfah­rungs­ge­winns auch sinnvoll. Dass das mit Blick auf die Familie und die Work-Life-Balance nicht un - bedingt auf Gegen­liebe stößt, verständlich. Aus Baches Sicht bedenklich ist, „dass Sparzwang und Perso­nal­mangel in der Justiz oft zu einem Diktat der Lücke führen“. Angesichts verwaister Dezernate an vielen Gerichten können Einsatzwünsche kaum noch berücksichtigt werden. Biblio­theken und technische Ausstattung seien häufig veraltet, eine Spezia­li­sierung so kaum möglich. „Aktive Richter sind offen­kundig ein wenig aus dem Blick geraten“, urteilt Bache, was mit Blick auf eine hoch spezia­li­sierte Anwalt­schaft in kompli­zierten Fällen misslich werden könne. „Überspitzt ausgedrückt, sitzt man dann in der Mitte, soll entscheiden und merkt, die Fachkom­petenz, die links und rechts der Richterbank steht, hat man nicht.“

Nach drei Jahren als Richter ließ ihn dieses „Konglo­merat an Gründen“ 2017 in den Anwalts­beruf wechseln. Spezia­li­siert auf das private Bau- und Immobi­li­en­recht, berät Volker Bache heute für Redeker Sellner Dahs von Bonn aus Mandanten. Wie in Kanzleien dieser Größe üblich, arbeiten bei Redeker, je nach Umfang des Mandats, inter­dis­ziplinäre Teams spezia­li­sierter Anwälte zusammen. Auf Dauer, so sagt Volker Bache, sei die „Perspektive eine ganz andere“, auch in finan­zi­eller Hinsicht.

Über Umwege in die Anwalt­schaft

Auch Jan Mädler (37), aus dem Leipziger Büro von Redeker, zog es auf dem Umweg über die Justiz in die Anwalt­schaft. 

Zunächst studierte er an der Fachhoch­schule in Meißen um Diplom-Verwal­tungswirt zu werden. „Das war für mich wegen der sehr breiten Studien­in­halte damals attraktiv“, sagt der heute mit Bau-, Vergabe- und Wirtschafts­ver­wal­tungs­recht befasste Associate. Nach den ersten Semestern merkte er, „dass er sich „vertieft mit recht­lichen Struk­turen beschäftigen und eigenständig arbeiten wollte.“

Er zog das Fachhoch­schul­studium durch, wechselte nach Jena, später Leipzig, und studierte Jura. Als Referendar und wissen­schaft­licher Mitar­beiter sammelte er bei der Deutschen Bahn und in verschie­denen Wirtschafts­kanz­leien Praxi­ser­fahrung, bevor er 2017 im Straf­recht promo­vierte und zunächst Staats­anwalt wurde.

Wie in Sachsen üblich, war Jan Mädler nach dem zweiten Staats­examen zunächst als Richter auf Probe angestellt. Auch ihn überzeugte die Justiz als Arbeit­ge­berin letztlich nicht: „Zu gering die Chancen sich zu spezia­li­sieren, zu wenig Einfluss auf die Rechts­ge­biete, in denen man sich bewegt“, sagt er rückbli­ckend.

Das habe ihn irgendwann gestört. Mädler: „Ich hatte ja Erfahrung im öffent­lichen Recht und im Verga­be­recht, es war mir wichtig, daran anknüpfen, mir eine Spezia­li­sierung, Know-how aufbauen zu können.“ So kehrte er dem Staats­dienst den Rücken, arbeitet seit 2018 im Leipziger Büro von Redeker. Mit drei Kollegen berät er dort Mandanten im Verga­be­recht, sowie im öffent­lichen Bau-, Fördermittel- und Kommu­nal­ab­ga­ben­recht.

Zumeist sind es öffent­liche Auftrag­geber. Er schätze den kolle­gialen Austausch und das direkte Feedback, das man durch die Mandanten erfahre. Man merke schnell, „dass man wirklich etwas bewirkt und der Mandant glücklich ist, wenn man im Team seine Frage oder das beste­hende Problem rechts­sicher lösen konnte“, sagt Mädler. Bei einem Staats­anwalt, der ein Einzelkämpfer-Dasein friste, sei das schwie­riger. „Da kommen ja die Beschul­digten am Ende nicht und bedanken sich.“

Einmal hin und wieder zurück: Vom Rechts­re­fe­rendar beim EuGH zum Partner einer bundesweit arbei­tenden Kanzlei

 

Scrabble-Buchstaben "Time for Change"
Es ist an der Zeit für einen Wechsel: Vom Richter zum Rechtsanwalt - Von der Justiz zum Anwaltsberuf.

Einen ungewöhnlichen Exkurs in die Arbeit auf Justiz­seite machte auch Borbála Dux aus Köln. Als Tochter ungari­scher Spätaussiedler, schon als Kind oft umgezogen, ihr Vater ist Neuro­biologe, wohnte sie neben Köln und Szeged schon in München, San Francisco und Paris. Über den deutsch-französischen Master­stu­diengang an den Universitäten von Köln und Paris erwarb sie die Maîtrise en droit, promo­vierte und wurde 2012 Associate bei Fresh­fields Bruckhaus Deringer in Köln.

Im justiz­nahen Feld der „dispute resolution“ (Konfliktlösung, Prozessführung) sammelte sie Praxi­ser­fahrung an diversen deutschen Gerichten, vertrat meist Beklagte in Massen­ver­fahren, etwa eine englische Lebens­ver­si­cherung gegen Kapital­an­leger. „Da bekommt man schon einen guten Eindruck davon, wie unter­schiedlich Richter arbeiten“, berichtet Dux. Mit Blick auf Motivation und Arbeitsethos sei „die Palette enorm“ – Fleiß und akribische Prozess­leitung einer­seits, phleg­ma­tische Vergleichs­kultur auf der anderen. Die Justiz schien ihr für ernst­hafte Wechsel­ge­danken zu dieser Zeit „irgendwie nicht glamourös genug“.

Das änderte sich, als ein befreun­deter Kollege ihr den Tipp gab, dass am Europäischen Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg eine Stelle für Rechts­re­fe­renten neu zu besetzen sei. Richter und Generalanwälte in Luxemburg verfügen über ein „Kabinett“ mit drei bis vier Referenten, die sie selbst auswählen dürfen. „Viele sind Profes­soren, die Mitar­beiter aus ihren Lehrstühlen mitbringen oder Menschen, die sie aus ihren jewei­ligen Heimatländern kennen“, erklärt Borbála Dux, „das Vertrau­ensverhältnis ist sehr eng“. Ohne größere Erfah­rungen im Unions­recht, aber mit der erfor­der­lichen Sprach­ex­pertise – die Arbeitss­prache am EuGH ist Französisch – bewarb sie sich bei Prof. Dr. Thomas von Danwitz und meisterte das „strenge Auswahl­ver­fahren mit Einzel­gesprächen, Akten­vortrag und schwie­rigen, auch rechts­ver­glei­chenden völkerrecht­lichen Fragen“.

Sie pendelte gut ein Jahr von Köln nach Luxemburg, bearbeitete dort kompli­zierte zoll- und umsatz­steu­er­recht­liche Fragen. Aufgrund des hohen diplo­ma­ti­schen Sprach­ni­veaus „teilweise mit Wörterbüchern in der Hand“, wie sie erzählt. Auch bei einer asylrecht­lichen Grund­satzent­scheidung zu den recht­lichen Anfor­de­rungen an die Abschie­behaft war sie beteiligt. „Es war eine inter­essante und sehr arbeits­in­tensive Zeit, die ich nicht missen wollen würde“, sagt die 38-Jährige. „Was mich aber gestört hat: Das war zu viel Back-Office. Man sitzt hauptsächlich in seinem Kämmerlein und arbeitet seinem Richter zu.“

Sie wechselte zunächst in ihren alten Job und arbeitete noch mehr als drei Jahre bei Fresh­fields, wo sie unter anderem LKW-Hersteller gegen Schadenser­satz­klagen im Zusam­menhang mit dem LKW-Kartell vertrat, und wurde 2018 Partnerin bei Luther in Köln. Seitdem ist sie Teil des bundes­weiten Complex Disputes Teams von Luther, das unter anderem mit dem VW-Diesels­kandal befasst ist.

„Als EuGH-Referentin hat mir das Gestal­tende gefehlt, das ich als Anwältin hatte“, sagt sie rückbli­ckend. Das gelte für die Beratung und die Prozessführung gleichermaßen. „Anwalt zu sein ist vielsei­tiger“, sagt Borbála Dux. „Ich bin am Drücker, kann viel mehr kreativ gestalten, bin konse­quent in der Sache und kann jederzeit inter­ve­nieren.“

In ihrem Job lerne sie Menschen aus unter­schied­lichsten Indus­trien kennen, schwärmt die quirlige Rechtsanwältin. „Das gefällt mir viel besser, als dieses fließbandmäßige Abarbeiten von Akten, die einfach kommen und die ich nicht beein­flussen kann.“ Henry Ford hatte wohl Recht als er feststellte: „Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist".


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