Anwaltsethik

Bessere Technik, bessere Anwälte, besseres Recht?

Offene Sitzung des Ausschusses auf dem 68. Deutschen Anwaltstag in Essen: Legal Tech und die Anwaltsethik

Unser Glaube an die Technik kennt keine Grenzen. Das scheint auch für die Welt der Juristen zu gelten, denn Legal Tech und seine Möglich­keiten begeistern uns alle. Fast wirkt es so, als seien viele von uns demnächst überflüssig, denn Software und Künstliche Intel­ligenz können das, was wir tun, besser und schneller. Mindestens werden wir durch Legal Tech bessere Anwälte, und das führt unwei­gerlich zu besserem Recht. Ist das so? Was ist die Rolle von Anwälten in der digita­li­sierten Welt? Unter dem Titel „Bessere Technik, bessere Anwälte, besseres Recht?“ disku­tiert der Ausschuss Anwalt­sethik und Anwalts­kultur auf dem 68. Deutschen Anwaltstag in Essen (termi­niert für Donnerstag, 25. Mai 2017, 16.00 bis 18.00 Uhr im Raum M, Messe Süd).

• Impuls­re­ferat: Prof. Dr. Stephan Breidenbach, Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/Oder

• Streitgespräch und Diskussion: Rechtsanwältin und Notarin Ingeborg Rakete-Dombek, Berlin
(„Risiko Technik“), Rechtsanwalt Prof. Niko Härting, Berlin („Chance Technik“), Moderation: Rechtsanwalt Markus Hartung, Berlin

Himmelfahrt ist Anwaltstag: Warum sollte eine Anwältin, ein Anwalt um 16.00 Uhr gerade zum Ausschuss Anwaltsethik und Anwaltskultur kommen?

Als Antwort eine provo­ka­to­rische Gegen­frage: Wann wird denn schon mitten im Herzen des Ruhrge­biets die allgemein vorherr­schenden Technikgläubigkeit („alles wird gut…“) kritisch hinter­fragt? Diese Chance, sich die Überle­gungen von ziemlich eloquenten Podiums­teil­nehmern anhören zu können, bekommen Sie so schnell wieder.

Was hat Legal Tech mit Anwaltsethik zu tun?

Legal Tech ist ein unscharfer Sammelbegriff für digitale Hilfsmittel und für neu konzipierte Rechtsdienstleistungsangebote. Am Ende einer visionären
Skala steht der Gerechtigkeitsautomat – ein uralter Wunschtraum der Menschheit: Oben die zwischenmenschlichen Probleme eingeben, das „Waschprogramm“ wählen, unten kommt dann die 100 Prozent gerechte Lösung heraus. Im Mittelalter nannte man das den „Nürnberger Trichter“. Anwaltsethik ist eine an sich schlichte Methode: Die strukturierte, diskursive Befassung mit der, dem steten Wandel durch Technik, Mode, Lebensausrichtung, politischer, sozialer und kultureller Trends ausgesetzten Fragestellung: „Was und wie tut man etwas und was lässt man besser sein?“. Ethik versucht Antworten zu finden für die immer gleiche Frage: Macht man das oder macht man das besser nicht? Ändert sich die Arbeitstechnik für Anwälte, dann verschieben sich zwangsläufig auch die ethischen Maßstäbe.


Wie wird denn nun das Recht besser?

Wie bitte? Ist die Ironie des Ankündigungs­textes nicht überdeutlich? „Bessere Technik = bessere Menschen = besseres Recht“. Dies ist provo­kativ an dieje­nigen gerichtet, die selbst solche Argumente zur Akzeptanz neuer techni­scher Möglich­keiten verwenden, oft eine Bauernfängerei. Es ist schon sehr schwierig, überhaupt die Überle­genheit einer neuen Methode gegenüber einge­schlif­fenen Verfah­rens­weisen darzu­legen. Weil etwas neu und anders ist als bishe­riges, ist es noch längst nicht „besser“. „Gut, besser, am besten“ sind subjektive Bewer­tungen, Prädikate, oft reine Verkaufss­logans da, wo echte Argumente fehlen. „Bessere Menschen“ zu progno­s­ti­zieren ist selbst schon wieder unethisch. Artiku­liert dies doch die These, die heutigen Menschen seien subop­timal in ihren Fähigkeiten und Verhal­tens­weisen und könnten durch technische Veränderungen aufge­wertet werden. Das ist pure Schöpfungs­hybris und sollte mindestens mit strengen ethischen Blicken geahndet werden.

 


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