Anwaltsethik

Die Bürolüge

Anwältinnen und Anwälte haben nicht nur für ihren Computer eine Firewall, ein gutes Sekretariat schirmt sie von den Anrufern ab, die sie gerade nicht sprechen wollen. Ein Kollege sandte einst seinen persönlichen „Ethikkodex“ an den DAV-Berufsrechtsausschuss. Einer der Sätze lautete (nicht wörtlich): „Bei uns sagt am Telefon keine Sekretärin, der Chef ist nicht da, wenn er gleichwohl im Zimmer neben ihr arbeitet oder gar direkt neben ihr steht.“ Jeder weiß, dass das Tagesgeschäft in einem Anwaltsbüro mit derartigen „Lügen“ voll ist. Ist dies ethisch verwerflich?

 

 

Darf der Anwalt sich am Telefon von seiner Reno verleugnen lassen? Wie weit reicht das Wahrheitsgebot?

 

Antwort:

Die „Goldwaage der Ehrlichkeit“ – ich würde sie als einen kostbaren Besitz definieren, auch wenn nach meinem Sprachgefühl der Begriff oft verwendet wird, um einen überflüssigen, vielleicht altertümlichen Aufwand und Luxus anzudeuten, den manche verachten mögen. Ich hoffe im Gegenteil, dass auch ich diese Goldwaage besitze. Mit dem Absolut­heits­an­spruch dieses Ethik­ko­dexes kann ich aber trotzdem nichts anfangen, ob Sie das nun beruhigt und oder verstört (vorsorglich zu beidem: meine Ausführungen beziehen sich ausschließlich auf Alltags­si­tua­tionen wie die oben beschriebene). Abstrakt frage ich mich: Muss man seinen kostbaren, vielleicht kostbarsten Besitz auch in trivialen Situa­tionen jederzeit nutzen (und zur Schau stellen)? Muss man immer mit dem 500 Euro-Schein zahlen oder darf es auch einmal kleine Münze sein?

Konkret – oder zumindest so konkret, wie es einer Juristin eben möglich ist – sage ich, es kommt auf die Situation und die Betei­ligten an. Ich bin gerne ehrlich, schon weil ehrliche Aussagen im Regelfall einfacher sind und nach dem Sprichwort auch am nachhal­tigsten. Aber manchmal verletzt die simple Wahrheit („den will ich jetzt nicht sprechen“) oder hat einen kompli­zierten Hinter­grund, den man ohne unver­tret­baren Aufwand an Zeit und Nerven (eigenen und/oder fremden) nicht erläutern könnte oder nicht erläutern darf. Einem Vorwand, einer Notlüge, einer harmlosen Flunkerei können dann bessere Recht­fer­ti­gungsgründe zur Seite stehen als der brutalstmöglichen Tatsachen­treue.

Solange man nicht vergisst, dass der Weg zur Hölle breit und verlo­ckend ist und Notlügen („white lies“) und ihre Verwandten nur im Notfall und nicht aus Bequem­lichkeit einsetzt, leidet die Goldwaage der Ehrlichkeit durch ihren Einsatz deshalb aus meiner Sicht keinen Schaden – und auch nicht der dem Gegenüber geschuldete Respekt. Bei der Recherche bin ich auf ein Zitat von Kant gestoßen, das für mich einen wesent­lichen Gesichts­punkt verdeut­licht: „Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.“

 

Ein Mitglied aus dem DAV-Ausschuss Anwaltsethik und Anwaltskultur gibt seine ganz persönliche Antwort. Wenn Sie es anders sehen: Schreiben Sie dem Ausschuss. Antworten werden im Anwaltsblatt veröffentlicht.

 

 


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