Haftpflichtfrage

Fehler­kultur in Anwalts­kanz­leien - schon eine Sebst­verständlichkeit?

Haftung setzt eine Pflicht­ver­letzung und damit denknot­wendig einen (Kunst-)Fehler voraus. Wie geht man profes­sionell und sinnvoll mit Fehlern um? Was gehört zu einer „guten Fehler­kultur“ und wie kommt man dorthin? Und was hat das alles eigentlich mit Tennis zu tun?

I. Was ist ein Fehler?

Wenn wir von Fehler­kultur sprechen wollen, müssen wir uns zunächst einmal darüber klar werden, was ein Fehler ist, wie sich also „falsches“ Verhalten von „richtigem“ Verhalten unter­scheiden lässt. Falsches Verhalten kann es nur dort geben, wo ein irgendwie geartetes richtiges Verhalten als norma­tiver Standard festgelegt ist. Solche Normen können im Straf­ge­setzbuch stehen, sie können informell in der Gesell­schaft als herrschende Moral­vor­stel­lungen geprägt worden sein, sie können als Handlungs­an­weisung in einem Kanzlei­handbuch verankert sein. Sie sind abänderbar und werden in unter­schied­lichen Verfahren auch geändert.

Vor der Recht­schreibreform war es ausschließlich korrekt das Wort „Schif­fahrt“ wie hier zu schreiben und nicht „Schiff­fahrt“. Letzteres wäre früher falsch gewesen, ein Fehler, Punkt­abzug, schlechtere Note. Heute ist man der Ansicht, dass die alte Schreib­weise verkehrt ist. Eine kompli­zierte und als überflüssige erachtete Regel wurde abgeschafft.

Neue Anfor­de­rungen können aber auch zur Verschärfung bestimmter Normen führen. So durfte man bis vor einiger Zeit davon ausgehen, dass es für die abend­liche Fristen­kon­trolle genügte, wenn die Tatsache, dass alle Fristen gestrichen sind, noch einmal anhand des Kalenders überprüft wird. Nach neuerer Recht­spre­chung unter­schied­licher BGH-Senate genügt das nicht mehr. Jetzt muss anhand jeder Akte noch einmal der Ausgang des fristen­re­le­vanten Schriftstückes verifi­ziert werden. Was früher völlig in Ordnung war, erfüllt jetzt nicht mehr die Normen und muss als Fehlver­halten einge­stuft werden.

Solche mittel­baren Handlungs­an­wei­sungen, die sich ändern und verschärfen, sind natürlich gerade dem Juristen selbst­verständlich. Warum soll das hier also so ausführlich in Erinnerung gerufen werden? Nur allzu oft werden Fehler in vorge­nanntem Sinne gebrand­markt und mit einem negativen Vorzeichen versehen. Dabei wird leicht vergessen, dass ein Verhalten, das heute vielleicht richtig ist, morgen schon ein Fehler sein kann – und umgekehrt.

Man blendet viel zu oft aus, dass abwei­chendes, nicht erwünschtes Verhalten manchmal auch zu völlig neuen Erkennt­nissen führen kann. Bis 1839 hätte man unmöglich eine Kutsche oder – wenn es das damals schon gegeben hätte – ein Auto mit Gummi­reifen ausstatten können. Der Werkstoff Gummi, wie man ihn damals kannte, hätte sich dazu überhaupt nicht geeignet. In besagtem Jahr unterlief Charles Nelson Goodyear beim Hantieren mit Gummi und Schwefel ein Missge­schick; die Mixtur gelangte verse­hentlich auf eine heiße Herdplatte. Das Ergebnis war nicht nur eine ruinierte Herdplatte, sondern auch eine neue Gummi­mi­schung, die wesentlich bessere Eigen­schaften aufwies. Goodyear war aufmerksam genug, um das auszu­nutzen. Die Ungeschick­lichkeit erwies sich am Ende als ungeheurer Glücksfall (Beispiel aus Bobonus, Fehler­kultur – Warum sich ein offener Umgang mit Fehlern lohnt, business-wissen.de).

Jedem Fehler, so ärgerlich er im ersten Moment sein mag, kann eine große Chance innewohnen. Dieser Schatz kann aber nur dann mit größerer Wahrschein­lichkeit gehoben werden, wenn man in der Lage ist, unerwünschtem Verhalten einen positiven Dreh zu geben, damit das Sprichwort „aus Fehlern wird man klug“ auch tatsächlich seine Berech­tigung bekommt.

II. Übliche Reaktionen auf Fehler

Abwei­chendes Verhalten führt oft (mindestens) zu sozialer Missbil­ligung. Normverstöße provo­zieren zunächst einmal Reaktionen, die der Normdurch­setzung dienen. Das kann der Ausschluss aus der Clique ebenso wie Abmah­nungen und Kündigung des Arbeits­platzes sein. Diese eingeübten Reakti­ons­muster (Fehler – Missbil­ligung – Sanktion) und die damit einher­ge­hende Suche nach den verant­wort­lichen Personen überdecken auch in Unter­nehmen und Kanzleien allzu oft die Chancen, die Fehlver­halten bieten kann.


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