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Frag einen Prüfer

Die mündliche Prüfung im Staats­examen: Fragen, Antworten, Tipps

Heute ist er Richter und Prüfungscoach, in der Vergangenheit war er selbst über viele Jahre Prüfer und Prüfungsausschussvorsitzender - Dr. Dr. Christian Schulte M.A., gibt Tipps und Hinweise für die mündliche Prüfung im juristischen Staatsexamen aus erster Hand. Stell' ihm deine Fragen per Mail an: FragDenPruefer@anwaltverein.de !

Auf die Klausuren im juris­ti­schen Staats­examen bereiten sich Examens­kan­di­daten syste­ma­tisch und akribisch vor. Die mündliche Prüfung in Jura wird in der Vorbe­reitung oft vernachlässigt. Das ist sicher ein Fehler. Sie bietet mehr Chancen für die Gesamtnote als Risiken. Der Schlüssel für den Erfolg im „Mündlichen“ ist eine gute Vorbe­reitung und die gelingt, wenn man im Voraus die richtigen Fragen stellt, zum Beispiel einem ehema­ligen Prüfer!

Denn wer könnte bessere Antworten geben, als jemand, der den Prüflingen viele Jahre in der mündlichen Prüfung gegenübe gesessen hat? Höchstens vielleicht jemand, der hunderte von Absol­ven­tinnen und Absol­venten erfolg­reich auf die mündliche Prüfung vorbe­reitet hat. Gut, dass wir einen Gesprächspartner gefunden haben, auf den beides zutrifft: Dr. Dr. Christian Schulte ist im Haupt­beruf Richter in Berlin, bereitet für das Kammer­ge­richt Referendare/innen in spezi­ellen Arbeits­ge­mein­schaften auf den Akten­vortrag im mündlichen Staats­examen vor und war viele Jahre Prüfer sowie Ausschuss­vor­sit­zender beim Gemein­samen Landes­jus­tizprüfungsamt für Berlin und Brandenburg. Außerdem bereitet er als Dozent und Prüfungs­coach für die Deutsche Notar­aka­demie angehende (Anwalts-)Notarinnen und (Anwalts-)Notare auf das „dritte Staats­examen“, die Notarprüfung, vor.

Anwalts­blatt Karriere und seinen Leser­innen und Lesern steht er im Netz und im Heft Rede und Antwort zu allen Themen rund um die mündliche Prüfung: Von Softs­kills, über die optimale Vorbe­reitung bis hin zum Blackout, stellt die Fragen, die euch inter­es­sieren und seid gespannt auf authen­tische Antworten – denn wer gut vorbe­reitet ist, ist weniger nervös und wer weniger nervös ist, macht weniger Fehler. Ganz nach dem Motto „die Faszi­nation des Echten geht über alles“ nutzt diese Chance und sammelt Infor­ma­tionen, schaut euch echte Prüfungen an, lernt mit echten Fällen und:

Fragt einen echten Prüfer! Schreib' eine Mail mit deinen Fragen an: FragDenPruefer@anwaltverein.de 

"Mich wundert es immer wieder, wie unpro­fes­sionell sich Kandi­taten/innen auf die einzelnen Prüfer vorbe­reiten. Im Zeitalter von Facebook, Instagram und Google kann man doch fast die Schuhgröße seines Gegenübers aus dem Internet holen, warum denn dann nicht Tätigkeits­schwer­punkte, Veröffent­li­chungen, Vorträge etc.? Quellen sind z.B. die juris­ti­schen Daten­banken, Kanzlei- oder Lehrge­biets­ho­me­pages und auch veröffent­lichte Geschäftsver­tei­lungpläne der Gerichte. Diese Infor­ma­tionsmöglich­keiten werden viel zu wenig genutzt." 

"Das lässt sich nicht mit 2-3 Sätzen sagen; dies erfordert die Erarbeitung indivi­duell passender SOP´s (Standard Operating Proce­dures), wie man es auch in der Medizin kennt. Wenn Sie nach einem schweren Unfall auf dem OP-Tisch der Anästhesistin landen und diese erst ein Lehrbuch zur Hand nimmt, um zu entscheiden, wie der kommende Ablauf der Narkose sein wird, ist es zu spät... Die Abläufe müssen standar­di­siert und eingeübt sein, so dass diese unabhängig vom Thema des Akten­kurz­vor­trages quasi autonom ablaufen, ohne darüber nachdenken zu müssen. Nur so hat man den Kopf frei und genug zeitliche Reserven, um sich auf die konkreten Inhalte der Aufgabe zu konzen­trieren. Ob ein Akten­vortrag gut wird oder nicht, entscheidet sich zu 90 % in der 60-minütigen Vorbe­rei­tungs­phase; entspre­chende Techniken werden in den Referen­dar­ar­beits­ge­mein­schaften oder auch durch kommer­zielle Anbieter vermittelt und eingeübt. Wer Schwie­rig­keiten mit dem Zeitma­na­gement hat, sollte sich hier helfen lassen." 

"Man sollte dies sicher nicht kurzfristig vor der eigenen mündlichen Prüfung tun; diese letzte Phase der Prüfungs­vor­be­reitung kann man besser damit nutzen, so viel „Überblicks­wissen“ (keine „Tiefen­bohrung“, das frustiert nur, wenn dann etwas völlig Anderes dran kommt) wie möglich in den Kopf zu bekommen. Mit etwas zeitlichem Abstand sich das vorher einmal anzuschauen, dagegen spricht sicher nichts." 

"Mich hat immer besonders geärgert, wenn die Kandi­daten/innen mit Standard-Rechts­normen nicht sattelfest sind. Wenn nach der Anspruchs­grundlage für den Werklohn als Antwort kommt „Da muss ich jetzt mal in das Gesetz schauen“, habe ich immer gedacht, dass ich da auch einen zufälligen Passanten unten von der Straße herein­bitten und um Beant­wortung der Frage ersuchen könnte... mit juris­ti­scher Souveränität hat das nicht viel zu tun." 

"Aufmerksam und wach dem Prüfungs­gespräch folgen, schon einmal etwas antizi­pieren, wenn vor einem jemand Anderes an der Reihe ist, wenn das Prüfungs­gespräch stockt, dezent (Blick­kontakt zum Frage­steller!) aushelfen (Prüfer mögen es gar nicht, wenn Fragen unbeant­wortet bleiben oder es nicht weiter geht); darüber hinaus ist Souveränität ganz wichtig, wenn Normen oder Leitent­schei­dungen der Oberge­richte „wie aus der Pistole“ präsentiert werden können, hinterläßt das meist einen nachhal­tigen Eindruck bei den Prüfern, wer unsicher herum­sucht oder nicht zielführend herum­redet, wird sicher nicht weit überdurch­schnittlich punkten können." 

"Die Angst davor ist völlig unberechtigt. Die Kommission läßt niemanden im Regen stehen. Wenn jemand zu Beginn des Akten­vor­trages einen echten Blackout hat (das kommt statis­tisch kaum vor), wird der/die Fachprüfer/in erst einmal etwas Einlei­tendes sagen, dann setzt es fast immer automa­tisch wieder ein und das Problem ist gelöst; sind Ängste aber sehr stark und ein Blackout ein realis­ti­sches Problem, sollte man unbedingt die Hilfe eines/r Prüfungss­py­cho­logen/in in Anspruch nehmen, hier haben auch die Universitäten fast immer Empfeh­lungen oder Koope­ra­tionen." 

"Statis­tisch kommt es ja nur sehr selten vor, dass jemand mit ausrei­chenden Klausu­r­er­geb­nissen allein auf Grund des Ergeb­nisses der mündlichen Prüfung durchfällt. Sollte dies im Ausnah­mefall doch einmal so sein, ist eine gute Analyse wichtig. Auch hier wird man vor der Wieder­ho­lungsprüfung in vielen Fällen sicher Hilfe von speziell geschulten Prüfungs­psy­cho­logen/innen in Anspruch nehmen sollen." 

"Am Besten im Partner-Tandem, eine/r trägt vor,der/die andere spielt „Kommission“ und dann wechselt man die Rollen. Wichtig ist, dass man dies ausschließlich unter „Echt“-Bedin­gungen macht, d.h. einen authen­ti­schen Ablauf wie bei der echten Prüfung simuliert, da man sich sonst die mühsam erarbei­teten Ablauf­tech­niken kaputt macht. Im Gegensatz zum Klausur­training zeigen die Erfah­rungen, dass man beim Akten­vortrag schon mit wenigen authen­ti­schen Übungs­ein­heiten große Leistungs­stei­ge­rungen erreichen kann, wenn man es „echt“ simuliert. Wichtig ist zur jeweils nachfol­genden Analyse eine korrekte Zeitnahme und audio­vi­suelle Aufzeichnung (Smart­phone oder Tablet sind hierfür völlig ausrei­chend)." 

"So eine Art „Business-Look“, nicht übertrieben (Konfir­mation oder Hochzeit) aber nicht zu locker, auch nicht bei sommer­lichen Tempe­ra­turen...." 

"Kompakt und schlag­fertig ist immer besser als zögerlich und unsicher. Man sollte die Prüferfragen präzise und zielge­richtet beant­worten, keine neben der Sache liegenden Ausführungen zum Besten geben (Stichwort: Frau/Herr Prüfer/in ich weiß da etwas...)." 

Es ist sicher nicht von Nachteil, die Stärken und Schwächen seiner Mitkan­di­da­tinnen oder Mitkan­di­daten realis­tisch einschätzen zu können. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass die Mitprüflinge einer Prüfungs­gruppe in der Prüfungs­si­tuation natürlich auch Konkur­renten/innen sind.

Das kann man beim besten Willen nicht in ein paar Sätzen beant­worten. Der gute Akten­vortrag folgt einer ganz anderen Dynamik als ein „gespro­chenes Gutachten“. Es gibt ganze Bücher zu diesem Thema, Workshops, Seminare…Hier sollte man durchaus profes­sio­nelle Vorbe­rei­tungs­an­gebote nutzen, auch die Oberlan­des­ge­richte bieten ja in der Regel spezielle Vorbe­rei­tungs-Arbeits­ge­mein­schaften dazu an.

Dadurch, dass es sich in der mündlichen Prüfung um die Entscheidung eines aus mindestens drei Prüferinnen und Prüfern beste­henden Kolle­gial­organs handelt, ist ein hohes Maß an Objek­tivität gewährleistet. Die Prüfungs­un­ter­lagen können nach der Prüfung nach Maßgabe der jeweils gültigen Prüfungs­ordnung einge­sehen werden und natürlich stehen die prüfungs­recht­lichen Rechts­be­helfe auch gegen Entschei­dungen des Prüfungs­aus­schusses in der mündlichen Prüfung unein­geschränkt zur Verfügung. Meist sieht die Prüfungs­ordnung vor, dass bereits gleich nach Verkündung des Ergeb­nisses der mündlichen Prüfung in diesem Fall Wider­spruch zu Protokoll erklärt werden muss. Hier sollte man sich in jedem Fall anhand der geltenden Prüfungs­ordnung genau infor­mieren, dies sollte man von Juris­tinnen und Juristen auch erwarten können... Prüfungs­recht­liche Verfahren vor den Verwal­tungs­ge­richten können erfah­rungsgemäß aller­dings sehr lange dauern.

Eine starke Gruppe kann auch schwache Kandi­da­tinnen und Kandi­daten durchaus vom Niveau her mitreißen, man sollte sich daher nicht von vornherein durch starke Mitprüflinge einschüchtern lassen. In einer schwachen Gruppe kann man durch „Aushelfen“ glänzen, wenn das Prüfungs­gespräch stockt. Dann sollte man durch Körpersprache Kontakt mit der oder dem jeweils Prüfenden aufnehmen und dadurch signa­li­sieren, dass man die Antwort weiß oder das Gespräch weiter voran­treiben kann. Es versteht sich von selbst, dass dabei nicht die „unwis­senden“ Mitprüflinge diskre­di­tiert werden sollten.

Die oder der Prüfungs­vor­sit­zende verwaltet in der mündlichen Prüfung die Akten und infor­miert die Beisit­ze­rinnen und Beisitzer. Wie „tief“ dabei in Perso­nal­akten einge­stiegen wird, liegt jeweils im Ermessen. Da lassen sich keine allge­meinen Regeln benennen. In jedem Fall sollten bei einer profes­sionell agierenden Prüfungs­kom­mission seitens der Kandi­da­tinnen und Kandi­daten geäußerte Berufswünsche keinerlei Auswir­kungen auf den Verlauf oder gar das Ergebnis der Prüfung haben. Dies würde gegen den Grundsatz der Chancen­gleichheit verstoßen. Wer also zum Beispiel im Vorgespräch äußert, in eine Großkanzlei einsteigen zu wollen, darf keinerlei Vorteile bekommen gegenüber jemandem, der als Berufs­wunsch „Busfahrer oder Busfah­rerin“ angeben würde.


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