Anwaltsethik

Kolle­giale Höflichkeit – noch ein Thema?

Heiligt der Zweck jedes Mittel? Seit einigen Jahren wird in der Anwalt­schaft die Maxime propa­giert, der Anwalt sei nur dem Mandanten verpflichtet: Sind die oben geschil­derten Verhal­tens­weisen, die zweifellos rein rechtlich korrekt sind, ein Ausfluss dieser Maxime?

Fall 1: Kammer­termin vor dem Arbeits­ge­richt. Geladen sind die Parteien, jeweils anwaltlich vertreten, und drei Zeugen. Der Anwalt des Klägers erscheint mit seiner Partei pünktlich. Ebenso anwesend sind die Zeugen. Zum Termin­zeit­punkt sind weder der Anwalt des Beklagten noch der Beklagte selbst vor Ort. Nach 20 Minuten ruft der Anwalt des Klägers im Büro des Kollegen an und fragt, ob der Kollege wohl im Stau stecke oder ob er eventuell den Termin vergessen habe. Die Antwort lautet schlicht: Der Kollege sei zu einem anderen dringenden Termin gefahren. Man könne ja Versäumnis­urteil nehmen. Auf die Bemerkung hin, warum denn der Kollege nicht recht­zeitig Bescheid gesagt habe, dass die Sache mit einem Versäumnis­urteil enden könne, entschuldigt sich zwar die Mitar­bei­terin, teilt aber mit, der Kollege habe ihr ausdrücklich gesagt, dies sei nicht nötig. Es könne ja ohne weiteres Versäumnis­urteil ergehen. Drei Zeugen und der Kläger sind sinnlo­ser­weise zum Termin gefahren.

Fall 2: Die Anwälte verhandeln seit geraumer Zeit – auch schriftlich – über die Beendigung eines Arbeitsverhältnisses. Nachdem für den Anwalt des Arbeit­gebers die Zeit knapp wird, übersendet er dem Kollegen und dem Gegner persönlich die Kündigung. Diese wird mit dem Argument  zurückgewiesen, es fehle das Original der Vollmacht, man könne nicht erkennen, dass der Kollege vom Arbeit­geber zur Kündigung bevollmächtigt wurde.

 

  • Seit einigen Jahren wird in der Anwaltschaft die Maxime propagiert, der Anwalt sei nur dem Mandanten verpflichtet: Sind die oben  geschilderten Verhaltensweisen, die zweifellos rein rechtlich korrekt sind, ein Ausfluss dieser Maxime?
  • Wenn ja: Heiligt der Zweck jedes Mittel oder sollten unter Anwälten zumindest einfache Regeln der Höflichkeit gewahrt bleiben?

 

Antwort
Vorab: Ich bin 68 Jahre alt, also „ziemlich Old School“. In meiner Anfangszeit als Anwalt hätte man unter Kollegen diese Fragen gar nicht verstanden.
Seitdem ist die „Verindividualisierung“ in der Gesellschaft deutlich fortgeschritten. Rücksichtnahme auf andere ist nicht mehr gefragt. Aus dieser Grundhaltung – und aus dem bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit zitierten angelsächsischen Prozessrecht – ist die oben genannte Maxime entstanden.
Und: Ja, das geschilderte Verhalten ist auf diese Maxime zurückzuführen.
Und: Nein, der Zweck heiligt nicht jedes Mittel.
Wenn die Anwaltschaft sich in eine Richtung entwickelt, wo einfache Regeln des Zusammenlebens negiert werden, wird sie sich im Ansehen der Gesellschaft und damit der Mandanten kurzfristig auf dem Niveau von Gebrauchtwagenhändlern wieder finden.

 

Ein Mitglied aus dem DAV-Ausschuss Anwaltsethik und Anwaltskultur gibt seine ganz persönliche Antwort. Wenn Sie es anders sehen: Schreiben Sie dem Ausschuss. Antworten werden im Anwaltsblatt veröffentlicht.


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