Anwaltsethik

Michael Kohlhaas als Mandant?

Die Frage nach dem richtigen Handeln stellt sich im Mandatsalltag: Wie gehen Sie mit einem Querulanten um?

Ein Mann ist bis zu Ihnen vorge­drungen. Sehr engagiert redet er ohne Unterlass. Es ist mühsam, die Gesprächssteuerung zu übernehmen. Nach einiger Zeit ergibt sich ein grobes Bild: der Mann hat einen komplexen Fall, der ihn schon Jahrzehnte beschäftigt. Er hat sich schon an zahlreiche staat­liche Stelle gewandt, immer ohne Erfolg. Er ist mit seinem Anliegen (mit anderen Anwälten) bereits zweimal bei einem höchsten Gericht gewesen und dort gescheitert (das ist im Sozial­recht wegen § 44 SGB X durchaus möglich – jeder Fall kann immer neu aufge­rollt werden). Der Bundespräsident hat ihm nur eine Formu­larantwort geschickt. Vorsichtige Abwehr­ver­suche kann der Besucher von vorn herein im Keim ersticken: er habe gerade Sie ausgewählt, Sie seien ihm als der beste Anwalt empfohlen worden und er setze auf Sie alle seine Zukunfts­hoff­nungen – seine aller­letzten. Sie fühlen sich unwohl und erkennen, wen Sie vor sich haben: einen Queru­lanten.

 

  • Gibt es einen Grundsatz, dass man Querulanten nicht vertreten sollte? Aber: wie erkennt man Querulanten eigentlich?
  • Wenn Sie ihn dennoch vertreten, warum eigentlich? Und wie?

 

Antwort:
Der Anwalt hat einen herrlich freien Beruf: er kann – im Gegensatz zum Richter – die Übernahme jedweden Falles ablehnen (wenn man von den Besonderheiten der Prozesskosten- und Beratungshilfe absieht). Diese Freiheit heißt aber auch: er kann auch und gerade ungewöhnliche Mandate annehmen. Mandate von Querulanten können sehr ungewöhnlich sein. Es gibt den Prototypus des Querulanten. Er ist leicht zu erkennen, oft und insbesondere auch dann, wenn von ihm selbst geschriebene Briefe überquellend mit Text befüllt sind, ohne Rand rechts und links. Tatsächlich wäre die Möglichkeit der Abweisung schon im Vorzimmer deshalb durchaus realistisch. Aber ist es nicht viel interessanter, Michael-Kohlhaas-Typen einmal selbst zu erleben? Es gibt immer wieder Schicksale, die zu einem guten Ende geführt werden können, wenn der querulatorische Teufelskreis durchbrochen wird. Hinter der querulatorischen Maske steckt meist ein bitteres Schicksal. Die Mandatsauswahl sollte der Anwalt deshalb selbst vornehmen: das gilt auch für das Ablehnen. Das ist nicht leicht bei einem Querulanten: es bedarf der eindeutigen und festen Erklärung, man habe sich die Freiheit genommen, dieses Mandat nicht zu übernehmen. Faule Ausreden werden vom Gegenüber sofort erspürt. Und ganz abwegig ist die bekannte Methode, dem Besucher einen anderen Anwalt als angeblich bestens geeignet zu empfehlen. Die Übernahme einen solchen Mandates erfordert die Übernahme der Führung dieses Mandats. Echte Führung: für den Mandanten muss von Anfang an klar sein, dass allein der Anwalt Strategie und Taktik bestimmt – und nicht der Mandant: „Falls Sie es anders wollen, Herr Mandant, müssen Sie anderswo Ihr Glück versuchen“. Fatal ist insbesondere, wenn der Textschwall des Mandanten nun in anwaltliche Schriftsätze übernommen werden soll. Umso erfolgreicher ist es, wenn der amts- und gerichtsbekannte Mandant mit seinem Anliegen durch kurze, prägnante Sätze auffällt, die das Hauptproblem herausarbeiten. Das kann Wunder wirken. Denn oft steckt hinter dem vergeblichen Anrennen ein verheimlichter Kern. Und es muss klar sein, dass die Sache auch Geld kostet: nach langen Erfahrungen ist solches bei gehöriger Prüfung durchaus meist vorhanden. Querulanten sind für den Anwalt Menschen. Sie „a limine“ abzuweisen, würde professionellem Berufsethos widersprechen. Mit einem anständigen Anwalt hätte es Michael Kohlhaas nicht zum Hauptdarsteller von Kleists Novelle gebracht. Nachdem er einen solchen nicht fand, sollte jeder Anwalt sie noch einmal lesen.

 

Ein Mitglied aus dem DAV-Ausschuss Anwaltsethik und Anwaltskultur gibt seine ganz persönliche Antwort. Wenn Sie es anders sehen: Schreiben Sie dem Ausschuss. Antworten werden im Anwaltsblatt veröffentlicht.

 


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