Soldan Institut

Ungleiche Bezahlung: Gender Pay Gap in der Anwalt­schaft

Am 19. März 2016 ist in Deutschland der Equal Pay Day – der Tag, bis zu dem Frauen aufgrund des geschlechts­s­pe­zi­fi­schen Lohngefälles „umsonst arbeiten, während Männer schon seit dem 1.1. für ihre Arbeit bezahlt werden“. Dieser Beitrag geht der Frage nach, auf welches Datum der Equal Pay Day in der Anwalt­schaft fällt. Er stützt sich hierbei auf eine Studie des Soldan Instituts mit mehr als 1.500 angestellten Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten der Zulas­sungs­jahrgänge 2004 bis 2010.

 

Nach wie vor ausgeprägte Gehalts­un­ter­schiede bei angestellten Anwälten und Anwältinnen
I. Einleitung

In den letzten Jahren waren fast genauso viele neu zugelassene Rechtsanwälte weiblichen wie männlichen Geschlechts.1 Angesichts des nach wie vor steigenden Frauenanteils unter Jurastudenten (aktuell 55 Prozent)2 und Referendaren (aktuell 56 Prozent) in der Gegenwart wird sich die Anwaltschaft, die in ihrer Gesamtheit noch zu zwei Dritteln aus männlichen Berufsträgern besteht3, hin zu einem Berufsstand entwickeln, der langfristig weiblich dominiert sein könnte. Gegenwärtig ist Deutschland im internationalen Vergleich freilich gemeinsam mit den USA in der Frage des Frauenanteils im Berufsstand abgeschlagenes Schlusslicht, ist doch in anderen europäischen Ländern der Anteil der Rechtsanwältinnen bereits heute deutlich höher als in Deutschland – so etwa in Großbritannien (44 Prozent), Italien (46 Prozent) oder Frankreich (52 Prozent)4. Angesichts des kontinuierlich steigenden Frauenanteils in der Anwaltschaft und der Tatsache, dass Rechtsanwältinnen besonders häufig in Anstellung tätig sind5 – und dies auch langfristig bleiben möchten6 –, wird die Problematik des „gender pay gap“ unweigerlich an Bedeutung gewinnen. Mit diesem Begriff aus der Sozialökonomie wird der prozentuale Unterschied zwischen abhängig beschäftigten Männern und Frauen beim durchschnittlichen Bruttoverdienst beschrieben. Der Verdienstabstand zwischen Männern und Frauen wird gemeinhin als ein Indiz für mangelnde Gleichbehandlung angesehen. Allerdings kann er auf vielfältigen Ursachen beruhen, da sich Frauen und Männer in ihren Erwerbsbiografien und der Wahl von Tätigkeitsfeldern unterscheiden und das Geschlecht in einem solchen Fall nicht der Auslöser für den Verdienstunterschied ist.

Dieser Beitrag geht der Frage nach, ob und gegebenenfalls in welchem Umfang ein gender pay gap auch in der Anwaltschaft besteht. Eine nähere Betrachtung des gender pay gap in der Anwaltschaft ist besonders reizvoll: Zum einen ist das geschlechtsspezifische Lohngefälle in Deutschland nach den Erhebungen des Statistischen Bundesamts bei der „Erbringung von freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen“ mit 32 Prozent das größte im Vergleich aller Branchen.7 Zum anderen fällt der gender pay gap in Deutschland in einem europaweiten Vergleich nach einer Erhebung der Generaldirektion Justiz der Europäischen Kommission aus dem Jahr 2014 branchenübergreifend mit 16 Prozent so hoch aus wie in keinem anderen Land außer Österreich.8 Auch der sog. bereinigte gender pay gap, der das Einkommen bei formal gleicher Qualifikation und Tätigkeit vergleicht9, zeigt in Deutschland im Durchschnitt einen Abstand von etwa 7 Prozent zu Lasten der Frauen.10

Aufgrund der Tatsache, dass der gender pay gap an den Lohn von Angestellten anknüpft und die Berufstätigkeit in Anstellung die dominierende Beschäftigungsform von Rechtsanwälten lediglich in den ersten Jahren nach Berufseinstieg ist, konnte für diese Analyse die Studie „Junge Anwaltschaft“ 11 herangezogen werden. In dieser hat das Soldan Institut unter anderem das Gehalt von mehr als 1.500 jungen angestellten Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten12 der Zulassungsjahre 2004 bis 2010 ermittelt.13 Die hierbei gewonnenen Erkenntnisse werden zunächst für die Gesamtgruppe der (jungen) Rechtsanwälte dargestellt, um sodann eine geschlechtsspezifische Auswertung vorzunehmen.


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