Soldan Institut

Ungleiche Bezahlung: Gender Pay Gap in der Anwalt­schaft

II. Gehälter der jungen Anwaltschaft

Angestellte und in Vollzeit tätige Rechtsanwälte mit maximal acht Jahren Berufserfahrung verdienten im letzten vollständigen Jahr vor der Datenerhebung (2011) im Durchschnitt 58.759 Euro (inklusive 13./14. Gehalt sowie Urlaubsgeld). Im Einzelnen ergab sich folgende Verteilung: 2,4 Prozent der Junganwälte verfügten über ein Jahresbruttogehalt von unter 20.000 Euro. 6 Prozent verdienten 20.000 bis unter 30.000 Euro, 23 Prozent verdienten 30.000 bis unter 40.000 Euro. Über ein jährliches Bruttogehalt von 40.000 bis unter 50.000 Euro konnten 21,5 Prozent der Junganwälte verfügen. Die mit Abstand größte Teilgruppe der angestellten Anwälte (47 Prozent) hatte in dem der Befragung vorangegangenen Kalenderjahr (2011) 50.000 Euro oder mehr verdient. Schließt man hierin noch Boni, Umsatz- beziehungsweise Gewinnbeteiligung, Fahrtkostenzuschüsse, Geschäftswagen sowie sonstige freiwillige betriebliche Leistungen mit ein, die im Mittel 3.626 Euro betragen, ergaben sich
gesamte jährliche Bruttoeinkünfte in Höhe von 62.385 Euro.

III. Gender Pay Gap
1. Gesamtbetrachtung

Die Höhe des Einkommens im Einzelfall wird von einer Reihe von indivi­du­ellen und markt­be­zo­genen Faktoren beein­flusst. Indivi­duelle Faktoren sind zum einen solche, die an die fachliche Kompetenz einer Person anknüpfen, also etwa an die Prüfungs­leis­tungen in den Juris­ti­schen Prüfungen, eine Promotion oder die über die Beschäftigungs­dauer definierte Berufs­er­fahrung. Zum anderen handelt es sich um perso­nen­be­zogene Faktoren, die keinen Bezug zur Fachlichkeit des Berufsträgers haben, zum Beispiel die durch­schnitt­liche Arbeitszeit oder das Geschlecht. Markt­be­zogene Faktoren betreffen u.a. die fachliche Spezia­li­sierung eines Rechts­an­walts und den Standort der Kanzlei nach Ort, Kammer­bezirk oder Bundesland.

Nach den Erkenntnissen der Untersuchung determinieren – zum Teil interdependent – vor allem Geschlecht, Prüfungsleistungen, Kanzleigröße und die wöchentliche Arbeitszeit die Höhe der von anwaltlichen Arbeitgebern gezahlten Gehälter.14 Soweit daher im Nachfolgenden auf die geschlechtsabhängigen Unterschiede im Einkommen abgestellt wird, darf nicht aus dem Blick geraten, dass das Einkommen nicht von einem isolierten Merkmal eines Rechtsanwalts beeinflusst wird, sondern von mehreren mehr oder weniger stark einwirkenden Faktoren. Dieses Problem stellt sich bei der Analyse von geschlechtsbedingten Lohngefällen grundsätzlich, ist also kein Problem, das sich nur bei der Analyse von Anwaltsgehältern zeigt.

Eine nach Geschlecht eines Rechtsanwalts differenzierende Analyse belegt, dass angestellte Frauen im Anwaltsberuf nach wie vor weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen, also ein gender pay gap auch in der Anwaltschaft besteht. Die befragten angestellten Rechtsanwältinnen verdienten im Durchschnitt 54.597 Euro, wohingegen ihre männlichen Kollegen mit 67.526 Euro über ein signifikant höheres jährliches Gesamtbruttoeinkommen verfügten. Der (unbereinigte) „gender pay gap“ beträgt damit fast 24 Prozent – oder anders gesagt: Anwälte verdienen knapp ein Viertel mehr als Anwältinnen.15

Bemer­kenswert ist hierbei, dass die geschlechts­s­pe­zi­fi­schen Einkom­mens­un­ter­schiede beim Berufs­ein­stieg noch nicht so weit ausgeprägt sind: Rechtsanwälte erzielen ein um 13,4 Prozent höheres Einstiegs­gehalt als Rechtsanwältinnen. In Sozietäten sind die Unter­schiede mit 12,8 Prozent weniger stark ausgeprägt als mit 15,7 Prozent in Einzel­kanz­leien.


Zurück