Haftpflichtfrage

Fehler­kultur: ja klar! – Aber was heißt das jetzt konkret?

Jeder macht Fehler. Manchmal bleiben sie folgenlos, manchmal entsteht ein Schaden. Der Mensch zieht aus dem Fehlver­halten Konse­quenzen oder auch nicht.Wozu also eine „Fehler­kultur“? Warum brauchen wir sie in der Anwalt­schaft?

Jedes Kleinkind gewinnt aus Fehlern seine Erfah­rungen. Mit zuneh­mendem Erfah­rungs­schatz wird es kompli­zierter heraus­zu­finden, wozu der Fehler gut war. Eine Fehler­kultur kann aber auch für ganze (Berufs-)Gruppen etabliert werden, insbe­sondere wenn diese eine hohe Verant­wortung für Leben, Gesundheit oder Vermögen anderer haben. Dass diese Verant­wortung nicht nur Piloten oder Ärzte, sondern auch Rechtsanwälte dazu zwingt, Maßnahmen zur Fehler­ver­meidung und Schadens­be­grenzung zu treffen, haben viele Diskus­sionen auf dem diesjährigen Anwaltstag gezeigt.

Im Grunde gibt es zwei Ansatz­punkte für eine Verbes­serung der Fehler­kultur. Zum einen kann die Standar­di­sierung wieder­keh­render Abläufe oder Prüfungen helfen, Fehler oder zumindest Schäden zu vermeiden. Zum anderen, und eigentlich als Voraus­setzung für den ersten Punkt, bedarf es einer verbes­serten Kommu­ni­kation. Das klingt etwas abgehoben, kann jedoch auf die tägliche Anwalt­spraxis ohne weiteres herun­ter­ge­brochen werden. Nehmen wir zwei Beispielsfälle:

  • • Eine Berufungsbegründungsfrist wird versäumt, weil die Rechtsanwaltsfachangestellte die in der Handakte schon notierte Frist wegen eines dazwischen gekommenen Telefonats nicht im Kalender notiert hatte.
  • • Eine ungünstige Vertragsklausel, die eigentlich herausverhandelt war, wird aus der zur notariellen Beurkundung übersandten Vertragsversion versehentlich nicht herausgestrichen.

In beiden Fällen kann dem Mandanten ein irrever­sibler Schaden entstehen. Der Anwalt, der sich einer Fehler­kultur verschließt, wird keinen Gedanken an das Warum und an Konse­quenzen für sein künftiges Verhalten verschwenden und darauf vertrauen, dass seine Berufs­haft­pflicht­ver­si­cherung den Schaden schon regulieren wird. Damit wird der Fehler aber weder bei ihm selbst noch bei anderen irgend­einen positiven Effekt haben. Wie kann also ein positiver Effekt erzielt werden?

Phase 1: Ein Fehler wird erkannt: Hilfe holen!

Der Anwalt bemerkt einen Fehler entweder selbst, oder er wird durch das Gericht oder vom Mandanten darauf hinge­wiesen. Die Erkenntnis bewirkt Schrecken, Scham, Panik, in jedem Fall ein unange­nehmes Gefühl. Intuitiv versucht man, den Fehler und etwaigen Schaden „aus der Welt zu schaffen“, möglichst niemand soll ihn bemerken. Wer Fehler macht oder solcher bezichtigt wird, verbindet damit – jeden­falls subjektiv – einen sozialen Abstieg. Es bedarf also an dieser Stelle eines anderen Verständnisses: Hilfe zur Fehler­ver­meidung kann und muss auch hierarchieübergreifend gegeben und angenommen werden. Der „Ober“ ist nicht immer schlauer als der „Unter“!

Der Versuch, Fehler zu vertu­schen, führt allen­falls zu verzögerter Wahrnehmung durch andere, oft sogar zu einer Verschlim­merung der Situation. Es ist essen­ziell, frühzeitig Hilfe zu holen! Ein anderer Kollege kann helfen zu klären, ob überhaupt ein Fehler vorliegt (vielleicht ist die Frist noch gar nicht abgelaufen) oder wie ein Schaden noch vermieden oder gering gehalten werden kann. Gerade bei Fristversäumnissen, aber auch sonst kann der Berufs­haft­pflicht­ver­si­cherer ein geeig­neter Ansprech­partner und Unterstützer sein, zum Beispiel beim Verfassen eines Wieder­ein­set­zungs­an­trags. Selbst wenn weder Fehler noch Schaden aus der Welt geschafft werden können, ist man „gemeinsam stärker“.


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