Haftpflichtfrage

Fehler­kultur: ja klar! – Aber was heißt das jetzt konkret?

Phase 2: Kommu­ni­kation mit dem Geschädigten

Irgendwann kommt der Zeitpunkt, zu dem man auch mit dem Geschädigten kommu­ni­zieren muss. Wie hier vorzu­gehen ist, lässt sich sicher nicht verall­ge­meinern. Dies hängt von vielen Faktoren ab, zum Beispiel wie eng die Beziehung zum Mandanten ist, wie gut man sich auf persönlicher Ebene versteht, wie gravierend der Schaden ist etc. Die Erfahrung zeigt, dass meistens eine frühzeitige Einbe­ziehung des Mandanten hilfreich ist. Diese Frage sollte sinnvoller Weise mit dem Berufs­haft­pflicht­ver­si­cherer erörtert werden. Möglicher­weise lässt der Mandant die Sache auf sich beruhen, zum Beispiel wenn man ihn überzeugen kann, dass das verfristete Rechts­mittel ohnehin nicht zum Erfolg geführt hätte. Manchmal lässt sich eine frühzeitige Erledigung der gesamten Angele­genheit herbeiführen, indem sich der Mandant zu einer Einigung mit dem Vertrags­partner oder Prozess­gegner bereit findet, sofern sich der Anwalt (bezie­hungs­weise dessen Versi­cherer) hieran beteiligt. Wenn so etwas gelingt, lässt sich durch die offene Kommu­ni­kation ein positiver Effekt erzielen, wenn der Mandant merkt, dass die Vertrau­ens­be­ziehung nach wie vor besteht.

Phase 3: Vermeidung desselben Fehlers

Ein „Lerneffekt“ kann nicht immer erzielt werden. Mensch­liches Augen­blicks­ver­sagen wird man nie elimi­nieren können. Was jedoch vermieden werden kann, sind negative Auswir­kungen des Fehlver­haltens durch Einführung von Siche­rungs­me­cha­nismen. Die Anfor­de­rungen der Wieder­ein­set­zungs­recht­spre­chung zielen genau hierauf ab: Im Beispielsfall hätte durch einen fehlenden zusätzlichen Vermerk in der Akte über die erfolgte Frist­no­tierung im Kalender („erl.“ oder ähnliches) deren Fehlen bemerkt werden können. Die Anwei­sungen an das Büroper­sonal können (und sollten) also aus Anlass des Fehlers überar­beitet werden.

Handelt es sich hingegen um inhalt­liche Fehler, sollte man darüber reflek­tieren, was die Begleitumstände des Fehlers waren, und ob man hieran arbeiten kann. Kam es womöglich zu Missverständnissen mit dem Mandanten über dessen Begehren? Kannte ich mich in der Rechts­ma­terie nicht gut genug aus? Führten besondere Umstände in der Kanzlei oder im Privat­leben zu einer Druck­si­tuation? Oft ist der Fehler tatsächlich dem Zeitdruck geschuldet. Wenn die letzte Version eines aufwändig verhan­delten umfang­reichen Vertrags­werks nachts um 4 Uhr vor der notari­ellen Beurkundung fertig­ge­stellt wird, ist das eben fehleranfällig, und das Zeitma­na­gement sollte kritisch hinter­fragt werden.

Phase 4: Erfah­rungs­wei­tergabe

Besonders wertvoll ist der Fehler, wenn auch andere Personen hieraus etwas lernen können. Die Anpassung der Arbeits­an­weisung für das Büroper­sonal hilft beispiels­weise allen Mitar­beitern, nicht denselben Fehler zu machen bezie­hungs­weise die Folgen unver­meid­lichen Augen­blicks­ver­sagens zu verhindern. Juris­tische „Aha-Erleb­nisse“ kann man ruhig mit den Anwalts­kol­legen teilen, idealer­weise und nachhal­tiger mit Dokumen­tation.

Realis­tisch und den Aufwand lohnend ist dies wohl nur, wenn ohnehin Check­listen, Formulare, Muster­schriftsätze oder ähnliches für eine bestimmte wieder­keh­rende Thematik in der Kanzlei gefertigt werden. Auch solche können die Mühe durchaus wert sein und sind demzu­folge auch immer häufiger zu finden. An dieser Stelle kann auch der Einsatz von „Legal Tech“ hilfreich sein und sich fehler­re­du­zierend auswirken.


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