Blockchain

Dr. Nina-Luisa Siedler im Interview

Rechtsawältin Dr. Nina-Luisa Seidler, Berlin

Was die Finanzwelt mit "Fin Tech" fast schon hinter sich hat, läuft nun auf dem Rechtsmarkt unter "Legal Tech". Wirtschaft und Gesellschaft haben sich durch von Algorithmen gesteuert Technik verändert, warum sollte das Recht da außen vor bleiben? Blockchain könnte dabei die nächste Evolutionsstufe sein, sagt eine Rechtsexpertin, die aus der Fin Tech-Szene kommt.

Blockchain - wenn sich Recht und Informatik verketten

 

Das Recht, das sind Paragrafen, die lang und gündlich ausgebildetet Juristen manchmal kunstvoll, hin und wieder auch eher mechanisch anwenden. Und wer heute Volljurist werden will, muss seine Denkergebnisse nach wie vor per Hand zu Papier bringen.  Doch außerhalb der Examenssäle sieht die Welt ganz anders aus. Und natürlich zieht die vernetzte, von Algorithmen gesteuerte Technikwelt auch in das Rechtsleben ein. Denn warum sollte das Recht außen vor bleiben, wenn sich die Wirtschaft und Gesellschaft ändern? Was die Finanzwelt mit FinTech fast schon hinter sich hat, läuft nun unter dem Schlagwort „Legal Tech“ auf dem Rechtsmarkt. Der nächste Evolutionsschritt im Tech-Sektor könnte die Blockchain werden. Was hat es damit auf sich? Unter anderem dieser Frage stellt sich: Dr. Nina-Luisa Siedler, Rechtsanwältin bei DWF in Berlin, ist Expertin für Finanz- und Kapitalmarktrecht und kommt aus der Fin Tech-Szene.

 

In wenigen Sätzen: Was ist eine Blockchain?

Eine Blockchain ist eine verteilte Datenbank. Das ist die kürzeste Definition.


Und wozu ist das gut?

Wenn eine Datenbank nicht mehr auf einem zentralen Server gespeichert wird, sondern auf einer Vielzahl von Servern, gewährleistet das eine relativ hohe Hack-Sicherheit. Die Datenbank ist sehr gut geschützt gegen Angriffe von außen. Die große Neuerung an den Blockchains ist, dass vorgegebene Konsensmechanismen dafür sorgen, dass die Datenbank ‒ auch wenn sie konstant auf den neuesten Stand gebracht wird ‒ trotzdem immer noch auf allen Servern gleich ist. Das funktioniert selbst bei einer öffentlichen Datenbank, die auf einer Vielzahl von Servern liegt und der Allgemeinheit zugänglich ist.


Für welche Anwendungen ist das attraktiv?

Erfunden ist die Blockchain für Trustless Transactions. Das sind Transaktionen zwischen Parteien, die sich weder kennen, noch vertrauen und die dennoch ohne einen allseits vertrautem Intermediär wie einer Bank oder Amazon funktionieren. Durch diesen Konsensmechanismus, der in die Blockchain eingebaut ist, wird der Mittelsmann überflüssig. Die Mutter aller Blockchains ist bekanntermaßen Bitcoin, also eine Währung, die von Person zu Person ohne Zwischenschaltung von Banken transferiert werden kann.


Und wie genau funktionieren dann Smart Contracts?

Die Blockchain bildet die Basis-Technologie, auf der Smart Contracts laufen. Smart Contracts sind schlicht automatisierte Vorgänge, Computer-Codes. Es gibt da ein hübsches Zitat: „When smart people hear the term ,smart contracts‘, their minds tend to run wild.“ Smart Contracts sind aber keine vollständigen Verträge, sondern es sind automatisierte Ausschnitte von vertraglichen Beziehungen. Am Beispiel einer Aktiengesellschaft: Eine Gewinnausschüttung könnte ohne Intermediäre auf der Blockchain mithilfe von Smart Contracts implementiert werden. Auch im Massenbereich wie Telekommunikation oder im Energie-Sektor kann so abgerechnet werden. Und wenn Sie Ihr Elektro-Auto irgendwann auf der Straße laden, weil Ladestationen in Parkplätzen eingebaut sind, kann die Abrechnung über Smart Contracts erfolgen.


Können Smart Contracts mehr als den Zahlungsverkehr revolutionieren?

Ja, die Technik wird bald mehr leisten. Es gab kürzlich einen Test: Baumwolle wurde von den USA nach Asien verschifft. An der Ladung war ein GPS-Tracker angebracht und als die Ware angekommen war, wurde automatisch der Kaufpreis umgebucht. Wenn jetzt im Container noch ein Luftfeuchtigkeits- und  Temperaturmesser angebracht wird, kann die Technik prüfen, ob die Baumwolle wirklich abnahmefähig ist oder verdorben ankommt.

Rechtsanwältin Dr. Nina-Luisa Siedler, Berlin.

Und was sehen wir dann als nächste Innovation?

Das können DAOs sein, also Decentralized Autonomous Organizations. Und mit den DAOs bekommt die Blockchain auch eine gesellschaftspolitische Komponente. Eine DAO ist eine ziemlich komplexe Form eines Smart Contracts, der dazu dienen soll, Gruppen von Personen, die ein gemeinsames Ziel verfolgen, zu organisieren, ohne dass es ein zentrales Management gibt. Erster Anwendungsfall war ein Investmentvehikel, aber denkbar wäre auch die Organisation lokaler Communities.


Kann das Recht mit dem technischen Fortschritt noch mithalten?

Das Recht tut sich schwer ‒ nicht unbedingt, weil unser deutsches BGB nicht viele der Anwendungsfälle stemmen könnte. Das Problem ist eher die Zersplitterung des Rechts. Wir sprechen über globale Technologien und globale Ansätze, aber alle paar Quadratkilometerchen weiter gilt ein anderer Rechtsrahmen. Globale Unternehmen können damit umgehen und mussten schon immer eine Vielfalt von Jurisdiktionen beachten. Neu und spannend sind die Entwicklungen im Public Blockchain Bereich: Hier entwickeln Programmierer vollkommen unvoreingenommen von der juristischen Realität ihre Vorstellungen von einer global vernetzten Welt.

Welche Auswirkungen wird die Dezentralisierung durch Blockchains mit sich bringen?


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