Einstiegsgehalt

Gehaltsfrage beim Bewerbungsgespräch

Im Bewerbungsgespräch geht es auch ums Geld. Rechtsanwälte erzielen ein um 13,4 % höheres Einstiegsgehalt als Rechtsanwältinnen. Der Einkommensunterschied erhöht sich mit der Dauer der Berufstätigkeit sogar noch.

In zahlreichen Bewerbungsgesprächen fragen Bewerber nach dem Gehalt – Bewerberinnen hingegen oft nicht. Dieser Umstand erstaunt, wo doch das Gehalt ein zweifellos entscheidender Aspekt der Arbeit ist. Begründet wird dies oft mit den Stereotypen unterschiedlicher Charaktereigenschaften von Männern und Frauen. Danach sind Frauen bescheidener und gehen von einer angemessenen und gerechten Vergütung für ihre Leistungen aus. Eine gängige Erklärung ist aber auch, für Frauen seien die Inhalte der konkreten Stelle entscheidend und das Gehalt eher sekundär.

Dennoch bleibt diese Verhaltensweise erstaunlich. Die Diskrepanz zwischen den Einstiegsgehältern von Frauen und Männern ist bekannt. Rechtsanwälte erzielen ein um 13,4 Prozent höheres Einstiegsgehalt als Rechtsanwältinnen (vgl. Kilian, AnwBl 2016, 322). Der Einkommensunterschied erhöht sich mit der Dauer der Berufstätigkeit sogar noch (näher dazu Kilian, AnwBl 2016, 322 ff.). Es wäre zu erwarten, dass insbesondere Frauen vor diesem Hintergrund besonders interessiert daran sein sollten, wie viel sie verdienen werden. Offenbar empfinden aber viele Frauen ein großes Unbehagen bei dem Gedanken nach dem Gehalt zu fragen oder darüber zu verhandeln.

Vieles spricht dafür, dass dieses Phänomen seine Ursache in den zumeist von männlichen Kollegen dominierten Strukturen hat. 60 Prozent der Absolventen im ersten Staatsexamen sind weiblich. Doch die Anzahl derjenigen, die den Anwaltsberuf wählen ist im Vergleich dazu gering. Mit etwas mehr als 52.000 Anwältinnen sind nur rund 30 Prozent der niedergelassenen Anwaltschaft weiblich. Auch wenn in den letzten Jahren der Anteil an  Frauen in Großkanzleien auf der Berufseinstiegebene etwas gestiegen ist, so sind insbesondere auf Partnerebene erhebliche Unterschiede offenkundig.

Auf die Nennung dieser Tatsache wird oft entgegnet, es seien die Frauen selbst, die in vielen Fällen zum Beispiel flexiblere Arbeitszeiten der Partnerernennung vorzögen oder flexiblere oder vermeintlich sicherere Karrierewege, wie die Justiz und die Verwaltung, einschlügen. Dies dürfte allerdings ein Zirkelschluss vor dem Hintergrund männlich dominierter Unternehmensstrukturen sein. Tatsächlich ermöglichen Kanzleien es Frauen (und auch Männern) oft nicht, auch auf gehobenen Positionen nach einem Modell zu arbeiten, das ihnen die Vereinbarkeit des Berufs mit der Familie ermöglicht. Die herrschenden Formen der Unternehmenspolitik sorgen für eine faktische Ungleichbehandlung. Bei Kanzleien ist hier sicherlich ein Faktor, dass Home Office, flexible Arbeitszeiten oder auch das Modell der Teilzeit-Partnerschaft nach wie vor nur sehr selten anzutreffen sind. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, sind strukturelle Anpassungen – insbesondere auch im Interesse der Kanzleien selbst – dringend geboten. Durch starre Strukturen und männlich dominierte Unternehmenskulturen entgehen den Kanzleien hervorragende Juristinnen.

Zur Strukturänderung gehört auch, dass Kanzleien zu Beginn eines Bewerbungsgesprächs die für die Bewerberin oder den Bewerber wichtigsten Fakten – wozu das Gehalt zählt – von sich aus offenlegen. Dies käme nicht nur allen Bewerberinnen und Bewerbern, sondern auch der kanzleiinternen Transparenz zugute. Bei größeren Kanzleien folgt eine gewisse Transparenz – zumindest bei den Einstiegsgehältern – aus den Erhebungen verschiedener juristischer Publikationsplattformen. Insbesondere bei Kanzleien mittlerer oder kleinerer Größe gibt es eine vergleichbare Transparenz oft noch nicht. Berufseinsteigerinnen sollten die Wahl des Anwaltsberufes als Chance sehen und auch im Bewerbungsgespräch ihr Unbehagen hinsichtlich Fragen zum Gehalt überwinden. Und genauso sollten Kanzleien die Chance nutzen, sich nicht nur die Bewerbung hervorragender Juristinnen zu sichern sondern auch deren Aufstieg und Verbleib in der Kanzlei.


Zurück