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Einstellungsreport

Arbeits­recht, Verkehrs­recht & Medien­recht ‒ Chancen im Markt

Was sich zunächst wie eine bunte Mischung liest, ist auch eine. Das Arbeitsrecht, das Verkehrsrecht und das Medienrecht unterscheiden sich und doch lässt sich der eine oder andere gemeinsame Nenner finden. Die Zukunft ist in der Anwaltschaft angekommen: Wie wird das automatisierte Fahren das Verkehrsrecht verändern? Was muss ein Arbeitsrechtler auf einem dynamischen Arbeitsmarkt leisten? Und wie schick ist das Medienrecht wirklich?

Je länger die Ausbildung dauert, desto inten­siver sollte Einsteiger in den Anwalts­beruf die Frage nach der Zukunftsfähigkeit von Rechts­ge­bieten beschäftigen. Lohnen heute noch das Verkehrs­recht oder Mandate für Arbeit­nehmer, wenn immer mehr Legal-Tech-Start-ups auf den Markt drängen und kostenlose Rechts­dienst­leis­tungen anbieten? Die Antwort darauf schon mal vorweg: Ja, es lohnt sich. Der Anwalts­beruf hat seinen eigenen Wert, der sich auch im dynami­schen Wettbewerb durch setzen wird. Voraus­ge­setzt natürlich, dass er guten Nachwuchs findet.

Verkehrsrecht mit Vollgas in die Zukunft? Eher nicht

Das Verhältnis der Deutschen zum Auto verändert sich. Elektro­mo­bilität ist schon längst kein Neuland mehr – der Diesels­kandal beschleunigt den Wandel. Für das Verkehrs­recht gilt: Es lebt vom mensch­lichen Fehler, sei es bei Unfällen oder Verkehrs­verstößen. Doch was, wenn sich das auf einmal ändert? Wenn nicht mehr der Fahrer lenkt, sondern das Auto selbst? Wenn ein Computer das Verkehrs­ge­schehen scannt und Fehler vermeidet? In einem geschlos­senen Verkehrs­system könnte der Mensch als Quelle des Versagens elimi­niert werden. Viele Verkehrs­rechtler fürchten diese Zukunft – sollte sie denn eintreten.

Die Zukunft des Verkehrs­rechts skeptisch betrachtet Dr. Daniela Mielchen, Rechtsanwältin aus Hamburg mit 43 Mitar­beitern und Unter­neh­merin durch und durch. Andere Kollegen sind hingegen nicht so besorgt: Dr. Bastian Gries von Eick und Partner in Hamm glaubt, dass eine komplette Umstellung des Verkehrs noch etliche Jahre dauern werde. Rechts­anwalt und Notar Jörg Elsner, Vorsit­zender der Arbeits­ge­mein­schaft Verkehrs­recht des Deutschen Anwalt­vereins, geht längerfristig von einem Umbruch aus: „Es wird eine massive Verla­gerung der Tätigkeiten geben, wohin ist noch nicht absehbar.“ Im Augen­blick ließe es sich aber gut vom Verkehrs­recht leben, ein gewisses Engagement und Unter­neh­mens­geist voraus­ge­setzt. Einen großen Schritt in die Moderne habe seine Kanzlei bereits vor über 15 Jahren mit der Einführung der digitalen Akte gemacht. Diese ermögliche heute besonders flexibles Arbeiten von praktisch überall. Längst zeitgemäß und doch läuft dieses Modell in der Anwalt­schaft nur langsam an.

Legal-Tech-Anbieter wie Geblitzt.de zeigen der etablierten Anwalt­schaft gerade, wie weit sich das Verkehrs­recht standar­di­sieren lässt. Auch sie können attraktive Arbeit­geber für Juristen sein, die nicht den klassi­schen „Anwaltsweg“ einschlagen wollen. Die anwalt­liche Bearbeitung der Massen­mandate (vorrangig Bußgeldsachen) übernehmen dann koope­rie­rende Kanzleien, zum Beispiel die Leipziger Kanzlei WKR. Diese Arbeit habe aller­dings manchmal fließbandhafte Züge, räumt Christoph Lattreuter, Jurist und Gründer von Geblitzt.de, ein. Den bei WKR angestellten Rechtsanwältinnen werde deshalb die Möglichkeit gegeben, sich neben der Bearbeitung der von Geblitzt.de vermit­telten Mandate ein eigenes Dezernat aufzu­bauen und sich zu spezia­li­sieren.

Ob Nischen­spe­zialist oder Allrounder, neben dem Zivil­recht sollte man als Verkehrs­rechtler auch das Straf- und Ordnungs­wid­rig­kei­ten­recht sowie öffent­liches Recht können, denn zum Verkehrs­recht gehören behördliche Zulas­sungs­fragen ebenso wie die Raserfälle. Wo man den Schwer­punkt setzt, hängt meist vom Kanzlei­fokus und der Mandant­schaft ab. Entscheidend ist auch, ob man Geschädigte oder Versi­cherer vertritt. Melanie Mathis von Quirmbach und Partner in Montabaur ist auf die Vertretung von Unfallopfern in Perso­nengroßschäden spezia­li­siert. Von solchen spricht sie ab einem Streitwert von 50.000 Euro. Bei ihrer Arbeit geht es aber um weit mehr als um nackte Zahlen. Durch den engen Kontakt zum Mandanten erfährt die Anwaltstätigkeit eine starke psycho­lo­gische Kompo­nente: „Neben wirtschaft­lichen Ansprüchen spielt auch die emotionale Genug­tuung eine wichtige Rolle – viele Mandanten wollen einfach gehört werden und ihre Seite der Geschichte erzählen. Nach einem schweren Unfall ist das auch für den Genesungs­prozess wichtig.“ Für besonders trauma­ti­sierte Mandanten vermittele die Kanzlei deshalb auch eine psycho­lo­gische Beratung. Gerade die Ausein­an­der­setzung mit den Versi­che­rungen empfänden die Mandanten oft als starke Belastung. Bastian Gries geht hingegen viel und gerne vor Gericht. Dies stelle einen wesent­lichen Teil seiner prakti­schen Arbeit dar. Bei der foren­si­schen Arbeit sei neben den fachlichen Kennt­nissen vor allem auch Spontanität und Schlag­fer­tigkeit gefragt, denn oft bringe die mündliche Verhandlung plötzliche Wendungen. Für Berufs­ein­steiger sei es wichtig, in diesem Bereich der Arbeit schnell Erfah­rungen zu sammeln und vorhandene Hemmungen abzubauen. Zudem sei das Verkehrs­recht für Berufs - einsteiger gut geeignet, weil die klassische Juris­ten­aus­bildung darauf vorbe­reite: Kurz nach dem Studium sei das für das Verkehrs­recht erfor­der­liche Fachwissen im Straf- und Zivil­recht „noch frisch im Kopf und greifbar“, berichtet Bastian Gries aus eigener Erfahrung. Eine Basis für den Start.

Arbeitsrecht – zwischen Recht und Klassenkampf

Anwalt ist nicht gleich Anwalt und Anwältin nicht gleich Anwältin. In kaum einem Rechts­gebiet gilt dieser Satz so sehr wie im Arbeits­recht, denn hier trennen sich die Wege sehr früh. Zu Beginn der Karriere muss man sich eine Frage stellen: Arbeit­nehmer oder Arbeit­geber? Die Antwort ist nicht immer leicht und doch ist sie eine, die meist von tiefer – auch politi­scher – Überzeugung geprägt ist. Arbeit­neh­meranwalt wird man aus Prinzip, aus einer intrin­si­schen Motivation heraus. Nils Kummert von DKA Rechtsanwälte aus Berlin fasst das gut zusammen, wenn er sagt, dass ein Arbeit­neh­meranwalt immer die politi­schen Zusammenhänge seiner Arbeit begreifen und motiviert sein solle, auch politisch zu agieren. Wer sich auf die Seite der Arbeit­nehmer schlägt, muss beim Gehalt idealis­ti­scher sein. Arbeit­nehmer-Anwälte verdienen im Schnitt um die 50.000 Euro im Jahr und damit deutlich weniger als ihre Kolle­ginnen auf der Arbeit­ge­ber­seite (bis zu 120.000 Euro Einstiegs­gehalt sogar im Mittel­stand).

Doch das Gehalt allein reicht als Argument für einen Beruf nicht aus, ein Stück weit sollte er immer auch Berufung sein. Dennoch, was morgens zum Aufstehen motiviert und was nicht, ist eine sehr indivi­duelle Angele­genheit, wichtig ist vor allem, dass man die Berufswahl mit offenen Augen trifft. Werfen wir also einen Blick hinter die Kulissen. Die wichtigste Frage zuerst: Was sollte man mitbringen? In einem Punkt sind sich Arbeit­nehmer- und Arbeit­ge­ber­kanz­leien tatsächlich einmal einig – Arbeits­recht­le­rinnen und Arbeits­rechtler müssen kämpferisch sein. Doch was heißt das konkret? Thomas Dick von Avocado Rechtsanwälte sagt dazu: „Als Arbeits­rechtler muss man eine gewisse Durch­set­zungs­kraft mitbringen, man muss konfron­tativ verhandeln können, daher stellen wir niemanden ein, der nicht den Mund aufkriegt.“ Verhand­lungs­ge­schick sei ein zentrales Stichwort, wenn es um den arbeits­recht­lichen Alltag gehe, denn Verhand­lungen, sei es im Rahmen einer Gütever­handlung oder am runden Tisch mit Gewerk­schaft und Führungs­riege innerhalb des Betriebes, würden einen großen Teil der arbeits­recht­lichen Tätigkeit ausmachen. Um darin erfolg­reich zu sein, braucht es vor allem eins: Erfahrung. Arbeit­geber- Anwältin Dr. Ulrike Schweibert von Schweibert Lessmann berichtet, dass in ihrer Boutique die „Seniors“ häufig Verhand­lungen führten, die jungen Kollegen müssten sich die notwendige Erfahrung hierfür erst erarbeiten, was gut durch entspre­chende Gericht­spraxis gelingen könne. Auch bei der Arbeit­neh­mer­kanzlei von Regina Steiner lässt sich diese Arbeits­teilung erkennen: Als Partnerin nimmt sie die Anfängerinnen zu Beginn ein paar Male mit zu den Prozessen und dann müssen sie ins kalte Wasser springen. Die Partne­rinnen konzen­trieren sich auf ihren Schwer­punkt Betriebs­rats­arbeit. Auch hier erschließen sich für Arbeit­nehmer- und Arbeit­ge­beranwalt verschiedene Aufga­ben­felder: Die eine Seite kämpft gegen Massenkündigungen, die andere struk­tu­riert Betriebe nach ökonomi­schen Gesichts­punkten um. Dabei können sich auch moralisch komplexe Fragen stellen. Für Dr. Götz Zerbe von Streitbörger Speckmann gehört deshalb der Mut, unange­nehme Entschei­dungen zu begleiten, zum Anwaltsein dazu, gerade wenn es um Kündigungen von Mitar­beitern geht.

Ob Arbeit­geber oder Arbeit­nehmer, im Mittel­punkt steht der Mandant und den muss der Anwalt verstehen können. Empathie und Kommu­ni­ka­ti­ons­kom­petenz sind deshalb Pflicht. „Man trifft als Arbeits­recht­lerin die unter­schied­lichsten Menschen, da ist es wichtig, nicht die Boden­haftung zu verlieren, man muss immer sympa­thisch rüberkommen und die Verbindung zum Gegenüber herstellen“, meint Schweibert. Auf die richtige Kommu­ni­kation käme es an.

Doch die ist nicht immer einfach: Regina Steiner hat als Arbeit­neh­mer­ver­tre­terin oft mit Verständigungs­schwie­rig­keiten zu tun, die die Sachver­halts­er­mittlung erschweren. „Es kann eine halbe Stunde dauern, bis man überhaupt versteht, was das Problem ist. Empathie und Geduld sind daher sehr wichtig, ebenso wie ein Gespür für Menschen.“ Belohnt wird sie dafür durch die unerwartete Dankbarkeit der Mandanten, die manchmal Blumen ins Büro schicken. Nicht nur für den Arbeit­salltag, auch für die Bewerbung ist die Entscheidung zwischen Arbeit­nehmer- und Arbeit­ge­ber­seite relevant: Kanzleien für Arbeit­neh­me­rinnen und Arbeit­nehmer kommt es bei der Rekru­tierung vor allem auf die (politische) Überzeugung an. Gute Noten sind nicht so wichtig, solange die Persönlichkeit passt. Das vertiefte Interesse am Arbeits­recht sollte aber sichtbar sein, meint Nils Kummert. Dies könne sich in der Wahl des Schwer­punkts zeigen oder daran, dass man während des Studiums bereits Gewerk­schafts­se­minare gegeben habe. In der lukra­ti­veren Arbeit­ge­ber­sparte sind die formalen Anfor­de­rungen deutlich höher: Gesucht werden exzel­lente Absol­ven­tinnen mit schnur­ge­radem Lebenslauf und gerne auch mit Doktor­titel. In der Boutique-Kanzlei Schweibert Lessmann wird „Arbeits­recht am Hochreck mit komplexen Fällen und Konstel­la­tionen“ betrieben, da verwundern die hohen fachlichen Anfor­de­rungen kaum.

Cool, cooler, Medienrecht

Relativ hohe Anfor­de­rungen stellt auch das Medien- und Urheber­recht an seinen Nachwuchs. Ein Doppel-VB ist hier zwar in der Regel nicht zwingend (außer in den Großkanzleien), dafür werden Fremd­spra­chen­kennt­nisse voraus­ge­setzt. Englisch sowieso, daneben aber auch gerne Amtss­prachen der EU. Das liegt daran, dass Mandate in diesem Rechts­gebiet oft Ländergrenzen überschreiten. Geistiges Eigentum wirkt überall dort, wo es ein Medium hat, der Rechts­schutz muss also entspre­chend dynamisch sein. Die Inter­na­tio­nalität und die „coole“ Mandant­schaft im Urheber- und Medien­recht macht es für viele junge Juris­tinnen und Juristen besonders attraktiv.

Gerade Berliner Kanzleien können sich vor Bewerbern kaum retten, kein Wunder, denn hier tobt sich die kreative Szene aus. Viele Kultur­schaf­fende bedeuten viele Mandate. Deutlich weniger beliebt bei den Absol­venten ist München: Dort wird Nachwuchs zum Teil händeringend gesucht, Kanzleien locken bereits mit höherem Gehalt und gerin­geren Anfor­de­rungen. Insgesamt wächst das Rechts­gebiet, Grund dafür ist nicht zuletzt die Digita­li­sierung. Geistiges Eigentum gibt es in vielen verschie­denen Formen und ist fast überall auf der Welt über Inter­net­dienste verfügbar. Diese Nähe zu Inhalten habe aber laut Rechtsanwältin Sandra Schulte von Grünlaw auch dazu geführt, dass das Bewusstsein für Urheber­rechts­ver­let­zungen gen null gegangen sei: „Überall wird fremdes geistiges Eigentum verwendet, sei es in Vorträgen, bei Filmvorführungen oder in Remixen.“ An Nutzungs­rechte und an die Entlohnung der Künstler denke dabei kaum jemand.

Außerdem habe die Digitalisierung neue Wirkbereiche für das Medien- und Urheberrecht erschlossen. Zum Beispiel seien durch die Vielzahl an medialen Plattformen die Veröffentlichung und Verbreitung von Inhalten einfacher und damit Urheberrechtsverletzungen häufiger geworden. Zunehmend wichtig werde auch der Schutz der Datenbankenhersteller. Der Schutzumfang gemäß §§ 87 a ff. UrhG stelle die Anwälte vor neue Herausforderungen, so Dr. Eberhard Kromer von SKW-Schwarz. Mit dem Thema Digitalisierung ist für Juristinnen immer auch Legal Tech verbunden. Jens Fusbahn aus der Düsseldorfer IP-Boutique Kanzlei Kötz Fusbahn Rechtsanwälte meint, dass moderne Technologie längst zur Normalität werde: „Früher saßen Junganwälte in Datenräumen, heute übernimmt einen großen Teil dieser Arbeit kosten effizient arbeitende Legal-Tech Software.“ Hinzu käme, dass auch Laien zunehmend Legal-Tech-Angebote wahrnähmen, weil sie Kosten für Rechtsleistungen würden sparen wollen. Für die individuelle Betreuung führe der Weg dann aber wieder in die Boutique, wo eine langfristige Zusammenarbeit mit den Mandanten angestrebt werde. Auch Großkanzleien spielen mit im Urheber- und Medienrecht: Dr. Andreas Meissner von Taylor Wessing berichtet von „Leuchtturm-Fällen, in denen neues Recht geschaffen wird und die oft bis vor den EuGH gehen“. Die Großkanzlei verträte große Tech-Unternehmen der digitalen Wirtschaft, weshalb sich ihr professioneller Blick oft gen Silicon Valley richte. Dort werden die Weichen für eine digitale Welt gestellt – das spricht für Zukunftsfähigkeit. //


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