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Bewerbungstipps

Bewer­bungs­gespräch auf Augenhöhe

An den ersten echten Job in einer Kanzlei erinnern sich Anwältinnen und Anwälte immer, sei es Praktikum, Nebentätigkeit, Anwaltsstation oder gar erst der Berufseinstieg. Um den Traumplatz für ein Praktikum, das Referendariat oder den Anwaltsstart in einer Kanzlei zu ergattern, müssen sich junge Juristinnen und Juristen allerdings dem Bewerbungsverfahren unterziehen. Wer es schafft, zum persönlichen Gespräch eingeladen zu werden, hat eine große Hürde genommen. Denn im Bewerbungsgespräch lassen sich Stärken herausstellen, kann das künftige Arbeitsumfeld erkundet werden und können - wenn es um die erste Anwaltsstelle geht - wichtige Fragen zu Gehalt und Karriere geklärt werden. Wer offen und souverän auftritt, ist klar im Vorteil.

„Das ist kein Problem“, sagt Rede- und Präsenta­ti­ons­coach John L. Faulk, Inhaber von Fireside Coaching: „Man muss nur wissen, wie man das ‚Potential eines Gesprächs‘ entstehen lässt und mitge­staltet.“ Für Anwalts­blatt Karriere verrät er, wie Gestik, Körperhaltung, in Geschichten verpackte Infor­ma­tionen und eine mentale Check­liste Bewer­be­rinnen und Bewerber aktiv Einfluss auf den Verlauf des Bewer­bungs­gesprächs nehmen lassen.

Die Atmosphäre wahrnehmen und mitgestalten

Um die Gesprächsat­mosphäre mitzu­ge­stalten, müssen sich Bewer­be­rinnen und Bewerber zunächst auf die Ausdrucks­weise und Inter­viewführung der Kanzlei einlassen. „Jede Kanzlei hat ihre eigene Tonspur, die sich aus Auftreten und Kommu­ni­kation aller Mitar­beiter vom Empfang bis zum Partner ergibt“, sagt John L. Faulk. Ist diese „Tonspur“ wahrge­nommen, liegt es in der Hand des Bewerbers, sie aufzu­greifen und eine offene Gesprächsat­mosphäre mit zu schaffen. Die innere Einstellung ist entscheidend: Junge Juristen sollten sich vor Augen führen, dass sie von der Kanzlei zu diesem Gespräch einge­laden wurden, weil sie für diese inter­essant sind und etwas anzubieten haben. Ziel des Gesprächs ist es, dies der Kanzlei zu zeigen. „Das Bauchkribbeln in einer solchen Perfor­mance-Situation ist normal, es ist sogar gut“, sagt John L. Faulk. „Wichtig ist, dass man die Energie im Körper kanali­siert.“ Zwerch­fell­atmung hilft dabei, die Stimme ruhig zu halten und die Inhalte direkt an die Gesprächspartner zu adres­sieren. Ratsam ist es, die Stimme bereits vor dem Termin aufzuwärmen, um sie später effektvoll einzu­setzen. So kann man sich im Gespräch klar und deutlich artiku­lieren, umso angemes­senes Selbst­be­wusstsein auszu­strahlen ohne dabei an Höflichkeit einzubüßen.

Kompetenzen präsentieren – durch Körpersprache

Ebenso wichtig ist die Körpersprache im Bewer­bungs­gespräch. Ein starker, warmer Händedruck zu Beginn und am Ende des Gesprächs übermittelt Sicherheit. Die richtige Haltung signa­li­siert Offenheit für das Gespräch. Die Tipps des Coachs: Die Füße sollten im Sitzen nicht überkreuzt werden, sondern gerade aufge­stellt als „Anker“ dienen. Zudem hilft es, den unteren Rücken gerade zu halten, um Stabilität zu erlangen. So kann mit Armen und Händen frei und natürlich über dem Tisch gesti­ku­liert werden. Es sollte dabei vermieden werden, die Ellen­bogen auf dem Tisch aufzustützen, da dies die Schultern anhebt und die Bewerber im wahrsten Sinne dazu bringt „den Kopf einzu­ziehen“. Statt­dessen können die Inhalte mit klaren und geschmei­digen Gesten unter­strichen werden.

„Um das richtige Maß zu finden, können sich Bewerber in Erinnerung rufen, dass es sich um ein Tisch­gespräch handelt, wie bei einem Dinner“, sagt John L. Faulk. Das Gesicht sollte während des Gesprächs dem Gegenüber offen und inter­es­siert zugewandt sein und der Augen­kontakt gehalten werden. Während die Frage aufge­nommen wird, kurz zu nicken signa­li­siert, dass man weiß, worauf der andere hinaus will. So können die Gefragten sich anschließend einen Augen­blick Bedenkzeit nehmen, bevor sie zur Antwort ansetzen. Um im Bewer­bungs­gespräch nicht zu lange überlegen zu müssen, ist es hilfreich, vor dem Gespräch bereits „Geschichten“ aus dem bishe­rigen Erfah­rungs­schatz auszuwählen, die die eigenen Fähigkeiten und Stärken plastisch werden lassen. „Infor­ma­tionen sollten nicht als Info-Pakete übermittelt werden, sondern als Storys, in denen der Kandidat in einer bestimmten Situation als Akteur reagiert und Aufgaben bewältigt“, sagt der Coach. Am besten sind kurze, logisch aufge­baute Geschichten, die zeigen, wie Kompe­tenzen einge­setzt wurden. Dadurch könne sich der Gesprächspartner den Bewerber leichter bei der Erfüllung von Aufgaben oder der Arbeit im Team vorstellen. Es ist die Chance, die Gesprächsin­halte zum Leben zu erwecken, eine intensive Atmosphäre zu erzeugen und nachhaltig in Erinnerung zu bleiben – vor allem wenn bei Nachfragen klar wird, dass in den Geschichten eher unter- als übertrieben wurde.

Die Frage nach dem Gehalt – und wie man sie stellt

Ebenso wichtig wie die Antworten ist auch das Stellen von Fragen. Genaue Fragen nach Gehalt, Aufstiegsmöglich­keiten und Weiter­bil­dungs­pro­grammen dürfen und müssen beim Berufs­ein­stieg gestellt werden. Um die Hemmschwelle herab­zu­setzen, ist es hilfreich, sich vorab umfassend über die Kanzlei, ihren Markt und das künftige Tätigkeitsfeld zu infor­mieren und diese Infor­ma­tionen kurz zusam­men­zu­fassen. Durch eine solche „Anmode­ration“ kann gezeigt werden, dass man sich mit dem Berufs­umfeld beschäftigt hat. Die Fragen können dann souverän und sicher gestellt werden, denn in einem Bewer­bungs­gespräch sollten beide Seiten gleichermaßen Gelegenheit haben, offene Punkte zu klären. Um dieses Ziel zu erreichen, kann eine mentale Check­liste für das Bewer­bungs­gespräch nützlich sein. Junge Juris­tinnen und Juristen sollten sich hierfür vor dem Gespräch bewusst machen, welche Infor­ma­tionen sie der Kanzlei über sich mitteilen wollen und welche Infor­ma­tionen sie im Gegenzug von der Kanzlei benötigen. Dies kann die eigenen Stärken, Kompe­tenzen und Karrie­re­ziele umfassen sowie Fragen danach, wie diese in der Kanzlei einge­setzt, umgesetzt und vergütet werden. Wer sich an einer solchen mentalen Check­liste orien­tiert, kann das Gespräch besser in die entspre­chenden Richtungen lenken und optimal als Plattform für den Infor­ma­ti­ons­aus­tausch nutzen. So kann konstruktive Gesprächsführung als weitere Kompetenz präsentiert werden. Und weil Kommu­ni­kation mit Mandanten, Gegnern, Gerichten, Staats­an­walt­schaften, Behörden und natürlich auch den Mitar­beitern in einer Kanzlei so wichtig ist, sollten die Chancen auf ein Job-Angebot gar nicht mehr so schlecht sein. //

  • Positive, selbstbewusste Einstellung
  • Warmer, starker Händedruck zu Beginn
  • Analyse der "Tonspur" und Gestaltung einer guten Gesprächsatmosphäre
  • Klare, deutliche, kompetente Antworten
  • Stärken und Alleinstellungsmerkmale hervorheben
  • Durch plastische Geschichten Teamgeist, Persönlichkeit und Arbeitsethik zeigen
  • Fragen nach Gehalt, Aufstiegschancen, Weiterbildungsprogrammen und Team klären

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