European Lawyers in Lesvos

"Der Mut vieler Menschen hat mich geprägt"

Thomas Stöckl absol­viert einen Teil seines Referen­da­riats im Flüchtlingscamp Moría auf Lesbos. Dort engagiert er sich im Pro-Bono-Projekt „European Lawyers in Lesvos“. Im Interview gibt er einen Einblick.

Ein Referendariat im Flüchtlingslager in Moría stelle ich mir als große berufliche und persönliche Herausforderung vor. Was beschäftigt Sie gerade?

Im Camp ist eine Frau, die im achten Mo nat schwanger ist. Dort ist zwar eine medizi­nische Versorgung gewährleistet, aber die reicht nicht aus. Die Frau muss für eine bessere Versorgung dringend nach Athen. Dazu muss sie erst regis­triert werden. Die Anwälte des Projekts versuchen, diesen Prozess zu beschleu­nigen, aber es geht nicht voran. Das Papier, auf das die notwendige Beschei­nigung gedruckt werden muss, ist nicht vorhanden

Wie gehen Sie mit Konfliktsituationen wie dieser um?

Man muss immer wieder erfahren, dass die eigenen Möglich­keiten begrenzt sind. Zumal ich in meiner Rolle als Referendar ohne Anwalts­zu­lassung die Mandanten nicht berate, sondern beispiels­weise an der Vorbe­reitung der Asylbe­werber-Inter­views beteiligt bin. Trotz vieler negativer Erfah­rungen muss ich sagen, dass mich aber auch der Mut vieler Menschen stark geprägt hat.

Wie werden die Mandanten auf das entscheidende Gespräch vorbereitet?

Etwa vier bis sechs Anwälte sind von Mon tag bis Samstag in einem Drei-Raum-Container im Flüchtlings­lager vor Ort. Dort beraten die Freiwil­ligen die Flüchtlinge. Zunächst verdeut­lichen wir ihnen, wie wichtig dieses Interview ist – viele wissen nicht, dass es fast allein über ihre Zukunft entscheidet. Wir klären sie über den EU-Türkei-Deal und die Folgen auf, nämlich, dass die Türkei als sicherer Dritt­staat angesehen wird: Viele der Mandanten haben in der Türkei negative Erfah­rungen mit der Polizei gemacht.

Wie sehen solche Gespräche mit den Flüchtlingen aus?

Die Anwälte gehen das Schicksal der Betrof­fenen mit ihnen Schritt für Schritt durch, sprechen über ihre Motive für die Flucht. Die Menschen müssen klar vortragen können, was ihnen zu welchem Zeitpunkt wo wider­fahren ist. Außerdem klären die Juristen sie beispiels­weise über den Flüchtlings­status auf. Manche kommen aber auch mit allge­meinen Fragen zum Anerken­nungs­prozess oder über die Famili­en­zu­sammenführung zu uns. Seit dem Start des Projekts im Juli 2016 bis Februar diesen Jahres haben 45 Freiwillige knapp 800 Menschen beraten.

Was haben Sie gelernt?

Dass man einen langen Atem und viel Durch­hal­tevermögen braucht! Ich habe auch viel über das Asylrecht hinzu­ge­lernt, da es sehr stark europäisiert ist und über nationale Grenzen hinausgeht. Es bestärkt einen, sich mit Anwälten aus ganz Europa auszut­au­schen. Da wir in einem inter­na­tio­nalen Team arbeiten, konnte ich auch mein Englisch verbessern.

Sie haben zuvor Station gemacht in einer Kanzlei für Asyl- und Ausländerrecht. Bietet Ihnen Ihre Referendariatsstationauf Lesbos Vorteile?

Auf jeden Fall: Man kann den Menschen hier schnell und direkt helfen, seine Kennt nisse unmit­telbar einsetzen. Die Anwälte sind dort, wo Rechtsrat mit am meisten gebraucht wird. Und Lesbos ist natürlich eine schöne Insel, Mytilini ist sehr pittoresk.

Sehen Sie auch Nachteile?

Für die alltägliche Praxis wäre eine Station in einer Kanzlei vielleicht relevanter. Und man muss hier mit viel Frustration umgehen, weil grund­le­gende Rechte nicht gewährleistet werden. Das Niveau, von dem aus man agiert, ist ein anderes als in Deutschland. Aber dafür vermittelt einem die Tätigkeit hier noch viel mehr als Sinnhaf­tigkeit. Ich empfinde sie als eine Notwen­digkeit.

Wo sehen Sie Ihre Zukunft?

Ich möchte im Asyl- und Ausländerrecht bleiben und könnte mir die Arbeit als Anwalt in diesem Feld gut vorstellen. Ich fühle mich bestärkt darin, mich später in diesem Rechts­be­reich einzu­setzen.

Würden Sie sich nochmal für ein Referendariat auf Lesbos entscheiden?

Ganz klares Ja.


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