Interview

50 % Arbeit, 50 % Marketing

Zahnschmerzen hat jeder einmal. Der Zahnarzt hilft und alles ist wieder gut. Doch wenn die Behandlung schief geht, der Kerami­kersatz nicht hält oder das Implantat den Kiefer­knochen schädigt? Neben einem weiteren Arztbesuch kann dann auch ein Anwalt helfen. Seit 2005 gibt es für solche Fälle den Fachanwalt für Medizin­recht. Während viele der mehr als 1.500 Fachanwältinnen und Fachanwälte für Medizin­recht in Deutschland eher auf der Seite der Ärzte, Krankenhäuser, Kranken­kassen oder auch der Pharma­her­steller aktiv sind, gibt es auch echte Patien­tenanwälte. Anwalts­blatt Karriere fragte Rechts­anwalt Volker Loeschner, warum es Freude bereitet, für die Rechte der Patienten zu streiten.

Sind Sie gerne auf der Seite der Schwächeren?

Ich gehe gerne mit einem guten Gefühl ins Bett. Und es ist nicht so, dass ich mir die Entscheidung ganz einfach gemacht habe. Ich habe zum Beispiel gut ein Jahr meiner Referendarzeit im Bereich der Siche­rungs­ver­wahrung gearbeitet und für die Verwahrten Gutachten geschrieben. Wenn ich dann nach Hause kam, hatte ich das Gefühl, auf der falschen Seite zu stehen. Ich möchte auch nicht aus Versehen Teil eines Abrech­nungs­be­truges eines Arztes werden. Und ich habe auch eine ganz indivi­duelle Geschich­temit Arztfehlern inmeiner Biografie, wasmich ein bisschen auch auf die Seite der Patienten geschlagen hat. Bei mir hatman vor Jahren eine Hepatitis C diagno­s­ti­ziert, die ich nicht hatte. Das hat mein Misstrauen gegen die Ärzte ein bisschen verschärft.

Braucht man eigene Erfahrungen für das Medizinrecht?

Das ist nicht zwingend, aber alle, die ich bisher getroffen habe, haben welche. Ich habe auch viele Asses­soren im Medizin­recht erlebt, deren Eltern Ärzte sind. Sie stehen der dunklen Seite der Medizin offen gegenüber. Sie wissen, dass nicht alles so ist, wie es die Werbung präsentiert: Es gibt Zeitknappheit, Fehlkom­pe­tenzen und auch einen sehr, sehr hohen wirtschaft­lichen Druck. Und viele dieser Juristen wollen in meiner Kanzlei arbeiten und sind dann ganz entsetzt, wie hart die Praxis ist, nicht nur die wirtschaft­liche Praxis des Arztes, sondern auch die wirtschaft­liche Praxis des Anwalts. Auch wenn ich meinen Mandanten als Mensch gerne zuhören möchte – und ich habe eine Menge Verständnis für Schmerz­pa­ti­enten –, muss ich aber als wirtschaftlich denkender Anwalt oft Grenzen setzen.

Muss ein Fachanwalt für Medizinrecht, der Patienten vertritt, auf Umsatz und Gewinn verzichten?

Ich gebe zu, die Situation ist paradox: Ich verdiene mein Geld mit dem Leid anderer Menschen. Die Menschen, die mich sehr, sehr gut kennen, wissen aber, dass ich nicht nach Geld suche. Mir geht es materiell gut. Mich treibt aber die Suche nach einem Stück ethischer Gerech­tigkeit – klingt doof, ist aber so. Ich war lange in der Evange­li­schen Jugend Berlin aktiv. Auch das hat mich geprägt: Etwas zu tun, was anderen Menschen etwas bedeutet, und zu erleben, ihnen zu helfen.

Können Sie heute als Anwalt helfen?

Ja, auch wenn ich es mir häufig eigentlich nicht leisten kann. Ich habe jetzt gerade einen 26-Jährigen als Mandanten angenommen. Da wurde ein Knochen­krebs sogar zweimal übersehen, der Mann kann nicht mehr laufen und sitzt im Rollstuhl. Das Mandat kann ich nur über Prozess­kos­ten­hilfe – also PKH – abrechnen. Es geht um Verdienst­ausfall und Schadensersatz von locker ein bis zwei Millionen Euro. Selbst für die PKH-Deckelung von netto 977,50 Euro kann ich so ein Mandat eigentlich nicht machen. Aber in diesem Fall konnte ich auch nicht „Nein“ sagen.


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