Zweites Staats­examen

Klausur­taktik - Grund­regeln für die erfolg­reiche Klausur im Zweiten Staats­examen

II. Erstellen einer Lösungs­skizze

Das Erstellen der Lösungs­skizze wirft auf den ersten Blick keine beson­deren Probleme im Vergleich zum Ersten Staats­examen auf. Bei genauerer Betrachtung bestehen hier jedoch zweite­x­amens­ty­pische Risiken.

1. Einsatz des Kommentars

Im Gegensatz zum Ersten Staatsexamen steht im Zweiten Staatsexamen in den meisten Bundesländern als Hilfsmittel der Kommentar zur Verfügung. Dieser bietet nicht nur Chancen, sondern auch Risiken. So kann der ungeübte Umgang mit dem Kommentar in der Klausur zuviel wertvolle Zeit und damit im schlimmsten Fall5 die Klausur kosten.

Dies zu vermeiden sollen die folgenden Hinweise helfen: Bevor man den Kommentar aufschlägt, sollte man sich zunächst darüber klar werden, wonach man überhaupt sucht, also das recht­liche Problem, das man (vermeintlich) nur mit dem Kommentar lösen kann, heraus­ar­beiten. Auf die eigent­liche Suche im Kommentar nach einer entspre­chenden Lösung für das Problem sollten je Problem nie mehr als fünf bis zehn Minuten verwendet werden. Danach muss man sich zwingen, die Suche abzubrechen, will man nicht die Klausur insgesamt gefährden. Zu groß ist die Gefahr, dass man sich in eine vergeb­liche Suche im Kommentar hinein­steigert und die Zeit aus dem Blick verliert. Um innerhalb der vorge­schla­genen fünf bis zehn Minuten einen Lösungs­ansatz im Kommentar zu finden, hilft überra­schend häufig ein kurzer Blick nach einem entspre­chenden Stichwort im Register des Kommentars. Hat man eine Fundstelle im Kommentar gefunden, so sollte keine Zeit darauf verwendet werden, die jeweilige Passage auf dem Notiz­papier abzuschreiben. Dies kostet Zeit, ohne dass dem ein Mehrwert gegenübersteht. Statt­dessen genügt es, das Problem kurz zu vermerken, die Fundstelle zu notieren und diese im Kommentar mit einem Klebe­zettel für schnelles Wieder­auf­finden zu markieren.

Das Wieder­auf­finden lässt sich noch weiter erleichtern, wenn Sie die Klebe­zettel mit fortlau­fenden Nummern versehen und sich diese Nummern beim jewei­ligen Problem auf Ihren Notiz­zettel notieren. Insgesamt gilt der Rat, die Lösungs­skizze möglichst knapp zu halten, um nicht zu viel Zeit für die spätere ausfor­mu­lierte Lösung zu verlieren.

Findet man im Kommentar nichts zum jeweiligen Problem, gilt es nicht zu verzagen. Halten Sie sich vor Augen, dass Sie auch im Ersten Staatsexamen erfolgreich rechtliche Probleme ohne Kommentar gelöst haben. Die Angabe von Kommentarfundstellen in der Klausur verbietet sich ohnehin. Maßgeblich für die Bewertung sind die rechtlichen Argumente. Diese fallen zuweilen bei Einsatz des eigenen Kopfes6 überzeugender aus, als wenn man sich auf eine vielleicht missverständliche Kommentarfundstelle verlässt.

2. Tenor ausfor­mu­lieren

Am Ende der Lösungsskizze sollte der Tenor bzw. bei einer Anwaltsklausur der zu stellende Antrag ausformuliert werden. Auch wenn dies Zeit kostet, ist sie an dieser Stelle gut investiert. Der Tenor ist letztlich das Aushängeschild Ihrer Klausurleistung.7 Den Tenor erstmalig in der Reinschrift auszuformulieren birgt das vermeidbare Risiko von Flüchtigkeitsfehlern und Unvollständigkeiten.

Tipp: Insgesamt sollte sich kurz vor dem Examenstermin eine hinreichende Klausurpraxis eingestellt haben, um die bisher beschriebenen Arbeitsschritte je nach Klausur in 1½ bis 2 Stunden zu bewältigen. Nur so kann gewährleistet werden, dass noch ausreichend Zeit für eine ansprechende Klausurlösung in der Reinschrift bleibt.

Ein Anwalt mit einem Buch in der Hand und einer Gerechtigkeitswaage im Hintergrund.
Am Ende zählt nur eins: Die Juraklausur bestehen - Doch vielen Studenten macht oft das Zeitmanagement einen Strich durch die Rechnung. Große Probleme bereiten hier vor allem die Staatsanwaltsklausuren.

 

III. Primärziel: Vollständige Arbeit

Primärziel muss im Zweiten Staats­examen stets die Fertig­stellung einer formal vollständigen Arbeit sein. Es ist mehr als nur ein Gerücht unter Referen­daren, dass in manchen Bundesländern unvollständige Arbeiten von den Prüfern automa­tisch als praktisch nicht verwertbar unter vier Punkten bewertet werden.

Behält man dieses Risiko im Hinterkopf, gilt es auch für den besseren Kandi­daten, sich bei Zeitmangel bewusst zurückzunehmen und statt das letzte Detail­problem über Gebühr zu vertiefen, der formalen Vollständigkeit den Vorrang zu geben. Der mögliche Sprung von 12 auf 13 Punkte steht schließlich in keinem Verhältnis zu der Gefahr, auf drei Punkte zurückzufallen.

Tipp: Ein Gefühl dafür, wie man sich persönlich die Bearbeitungszeit richtig einteilt, wird sich dabei freilich erst nach einer erheblichen Anzahl geschriebener Klausuren einstellen. Schreiben Sie kurz vor Ihrem Examenstermin die Übungsklausuren in max. 4 ½ Stunden. Für die halbe Stunde mehr werden Sie im Examen dankbar sein.

Sonder­problem: Staats­an­walts­klausur

Ein Sonderproblem hinsichtlich des Ziels einer vollständigen Arbeit stellen – ähnlich dem Ersten Staatsexamen – die Strafrechtsklausuren dar.8

Dem Zeitdruck in den Staats­an­walts­klau­suren kann man jedoch mit einer bestimmten Technik Herr werden. Zunächst sollte man Tathandlung und zu prüfenden Tatbe­stand schon in die jeweilige Überschrift aufnehmen, ohne dies dann nochmals – ohne Mehrwert an Infor­mation – stets noch einmal in einem Obersatz zu wieder­holen. Die sich anschließende Prüfung kann sich dann ausschließlich auf die proble­ma­ti­schen Punkte beschränken, ohne gebetsmühlenartig unpro­ble­ma­tische Tatbe­stands­merkmale herun­ter­zu­beten.

Beispiel:

1.Tatkomplex: Das Geschehen im Supermarkt
I. Hinreichender Tatverdacht gegen F
A) § 242 Abs. 1 StGB durch Einstecken der DVD in die Jackentasche

Proble­ma­tisch ist hier allein/ zunächst, ob in dem Einstecken bereits eine vollendete Wegnahme i.S.v. § 242 Abs. 1 StGB liegt.

Ein derart verknappter Stil erfordert sicherlich etwas Mut. Daher gilt hier die Empfehlung, die vorge­schlagene Vorge­hens­weise zumindest einmal in einer Probe­klausur vor dem Examen auszu­pro­bieren. Sie werden sehen, dass Sie so die Staats­an­walts­klau­suren besser zeitlich bewältigen und zudem die wirklichen Probleme des Falles sogar angemessen vertiefen können. Ein Erfolgs­er­lebnis mit diesem Stil wird Ihnen die notwendige Sicherheit geben, ihn auch im Examen anzuwenden.

Zum Zeitmanagement in der Staatsanwaltsklausur noch ein weiterer Tipp: Zu fertigen sind meist ein materielles Gutachten (sog. A-Gutachten), ein prozessuales Gutachten (sog. B-Gutachten)9 und letztlich die Entschließung der Staatsanwaltschaft (meist eine Anklageschrift). Selbst bei Klausuren, die formal vollständig sind, fällt die Anklageschrift in inhaltlicher Qualität und Schriftbild meist im Vergleich zur restlichen Klausur deutlich ab. Um diesen schlechten Eindruck am Ende der Klausur zu vermeiden, sollte man die Anklageschrift bereits unmittelbar nach dem A-Gutachten bearbeiten und erst danach das B-Gutachten. Dies hilft, Flüchtigkeitsfehler zu vermeiden und eine ansprechende Anklageschrift fertigen zu können. Unter Zeitdruck in den letzten Minuten der Klausur fällt es meist leichter die Standardfragen des B-Gutachtens abzuarbeiten, als einen komplexen abstrakten Anklagesatz zu schreiben und dann im konkreten Anklagesatz nicht die Ausfüllung einzelner Tatbestandsmerkmale zu vergessen. Die formale Reihenfolge muss dann freilich durch entsprechende Ordnung der Klausurblätter wiederhergestellt werden.


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