Ausbildung

Raus aus der Komfortzone

Wahlstation in einer Kanzlei im Ausland: Wenn aus Arbeit Freude an Jura wird.

Die Wahlstation in einer Kanzlei im Ausland zu absol­vieren – das ist in der Regel kein Urlaub. Ausbilder erwarten sichere Sprach­kennt­nisse und hohe Motivation!

Manche Bewer­bungs­schreiben überra­schen Alex Kaufmann auch nach vielen Jahren als Referen­dar­aus­bilder noch immer. Etwa, wenn Bewerber ihre Noten mit keinem Wort erwähnen. Oder wenn ein Kandidat schreibt, dass er gerne seine Sprach­kennt­nisse ausbauen möchte. Kaufmann, in Deutschland zugelas­sener Anwalt mit Sitz in London, der in der tradi­ti­ons­reichen Londoner Kanzlei Fladgate LLP Referendare ausbildet, kann bei solchen Schreiben gewöhnlich nur den Daumen senken: „Sinnvoll mitar­beiten kann man hier nur, wenn man schon gut bis sehr gut Englisch spricht. Es ist ein engli­scher Job – das muss jedem klar sein, der nach London will.“

So richtig klar scheint aller­dings vieles nicht zu sein, wenn es darum geht, eine Stage im Referen­dariat außerhalb des Geltungs­be­reichs von BGB und Straf­ge­setzbuch zu absol­vieren. Was fern der Heimat passiert – darum rankt sich so mancher Mythos. Im Internet kursieren zuhauf Erfah­rungs­be­richte, in denen es um spektakuläre Partys über den Dächern von Metro­polen, leckere Häppchen bei illustren Empfängen oder nette Ausflüge geht. Und am Rande darum, dass es ja auch noch eine Ausbil­dungs­stelle gab.

Keine Frage: Solche Stationen oder manchmal auch Tauch­sta­tionen gibt es. Dass viele Kanzleien dagegen aber hohe – oder besser gesagt: normale – Anfor­de­rungen stellen, geht manchmal etwas unter. Nach einer kurzen Einar­bei­tungszeit sollen die Referendare gerne richtig mitar­beiten – ihrem fortge­schrit­tenen Ausbil­dungs­stand entspre­chend. „Wir arbeiten Referendare rund vier Wochen ein. Danach kann man in der Regel gut auf ihre Arbeit zurückgreifen“, sagt etwa Jürgen R. Ostertag, Partner der Kanzlei Pryor Cashman LLP in New York. Referendare würden behandelt wie First-Year-Associates.

Sprach­kennt­nisse sind ein Muss

Anwälte wie Kaufmann oder Ostertag suchen junge Juristen, die motiviert und fit sind. Ein Prädikatsexamen ist dabei nicht Pflicht. Um festzu­stellen, wer zu ihnen passt, führen viele Ausbilder im Ausland lieber ausführliche Telefon­in­ter­views mit inter­essanten Kandi­daten. Dabei wird mindestens ein Teil in der Landes­s­prache absol­viert. Ostertag lässt sich von Bewerbern auf Englisch einen Fall aus der Ausbildung schildern, inklusive Lösungs­vor­schlag. „Diese Fähigkeit ist nicht nur in der Prüfung, sondern auch im Arbeit­salltag relevant“, sagt der Anwalt. Sprach­kennt­nisse eignet man sich nicht in der Wahlstation an, Sprach­kennt­nisse hat man vorher – das ist auch die Einstellung einiger Prüfungsämter. In Thüringen etwa dürfen nur Kandi­daten ins Ausland, die ihre Sprach­kennt­nisse nachge­wiesen haben

Auch mit eher durch­schnitt­lichem Englisch, Französisch oder Spanisch lässt sich natürlich ein Platz in einer Kanzlei im Ausland finden. Nur entspricht dann die Arbeit, wenn man denn einen Platz ergattert, inhaltlich kaum dem Ausbil­dungs­stand, und der Frust könnte groß sein – sowohl beim Ausbilder als auch beim Referendar. Wer wirklich etwas mitnehmen will aus der Zeit, sollte seine Sprach­kennt­nisse frühzeitig aufpo­lieren. Ein LL.M., der vor der Referendarzeit absol­viert wurde, ist gern gesehen sowie auch sonstige Schul- oder Studi­en­auf­ent­halte im Ausland. Ansonsten gilt: an Mandan­ten­gesprächen teilnehmen, selbstständig Schriftsätze oder Verträge formu­lieren – Fehlan­zeige. Verschenkt ist die Zeit natürlich trotzdem nicht.

In ein fremdes Land einzut­auchen, Kennt­nisse zum Beispiel im Common Law zu sammeln oder einfach zu sehen, wie der Rechts­markt anderswo funktio­niert, all das kann später im Berufs­leben großen Wert haben.


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