Portrait

Dr. Anja Mengel - Recht macht Arbeit

Boutique statt Fabrik: Als sich das Team von Anja Mengel in der Großkanzlei nicht so entwi­ckeln kann, wie erhofft, wird die erfahrene Arbeit­ge­beranwältin einfach selbst Unter­neh­merin. Mit gleich­ge­sinnten Partnern und jungen Kollegen baut sie das Berliner Büro einer Boutique für Arbeits­recht auf.

Boutique statt Fabrik: Als sich das Team von Anja Mengel in der Großkanzlei nicht so entwi­ckeln kann, wie erhofft, wird die erfahrene Arbeit­ge­beranwältin einfach selbst Unter­neh­merin. Mit gleich­ge­sinnten Partnern und jungen Kollegen baut sie das Berliner Büro einer Boutique für Arbeits­recht auf.

Es gibt Sprünge in der Karriere von Juristen, die von außen betrachtet so zwingend erscheinen, dass Beobachter sie lange Zeit mit der Logik mathe­ma­ti­scher Gleichungen behan­delten. Wenn „Examen“ gleich „Prädikat“ und „Promotion“ „summa cum laude“, dann kann nach X aufgelöst das Ergebnis nur „Partner in einer Großkanzlei“ bedeuten.

Doch das Zeitalter der Mathe­matik in der Rechts­wis­sen­schaft ist vorüber. Wer heute als Anwalt mit exzel­lenten Voraus­set­zungen zum Karrie­re­sprung ansetzt, findet sicher einen Platz zum Landen. Was er dort sieht, sind jedoch nicht mehr unbedingt die strengen Glaspaläste der großen Kanzleien mit ihrem Heer aus Angestellten auf dem Weg nach oben. Die Top-Juristen springen heute ab und landen zum Beispiel in einem großzügigen Altbaubüro mitten in Berlin. Das Büro haben sie nach ihren eigenen Vorstel­lungen einge­richtet, im Konfe­renzraum wacht eine überle­bensgroße Holz-Plastik aus Burkina Faso über das Geschehen. Und nicht vierhundert, sondern vier Rechtsanwälte zählen zu den insgesamt zehn Mitar­beitern, die sie selbst ausgewählt und einge­stellt haben.

Anja Mengel hat das so gemacht, sie gehört zu jenen Spitzenanwälten, die ihre Karrie­re­glei­chung auf eigene Art gelöst haben. Mitte vierzig, Ausbildung mit Auszeichnung, Promotion, LL.M., zwölf Jahre Erfahrung in den größten Kanzleien des Landes. Und jetzt: Boutiquen-Besit­zerin. Partnerin der Kanzlei Altenburg, Arbeits­rechts­koryphäe, Leiterin des Berliner Büros, in kleinen, feinen Verhältnissen: 16 Anwälte insgesamt, acht in München, drei in Hamburg und fünf in Berlin, ein junges Team. Für die nächsten fünf Jahre steht viel Aufbau­arbeit an.

„Die beiden Gründungs­partner und ich, wir haben uns – wenn man das im beruf­lichen Umfeld so sagen möchte – beim Kennen­lernen gleich ein bisschen verliebt, als ich 2011 dazustieß“, sagt Anja Mengel, „in die gemeinsame Arbeit und die Eröffnung des Berliner Büros.“ Die damals noch drei Partner teilten beruf­liche Erfah­rungen, aber auch Motive und Vorstel­lungen, wie sie die Kanzlei entwi­ckeln wollten. „Und so sind wir dann ins kalte Wasser gesprungen und es hat sich absolut bewährt“, sagt Mengel.

Der Abschied aus der Großkanzlei fällt ihr leicht. Nicht nur, weil sie das Unter­neh­me­rische an der neuen Aufgabe schätzt. Während Mengel in den großen Kanzleien Erfah­rungen sammelt, ändern sich die Zeiten, neue Karrie­re­glei­chungen werden nötig. „ Es war einfach, nein, es ist zutiefst frustrierend, wenn man sehr viel arbeitet für ein Wachstum, das dann personell nicht umgesetzt wird“, sagt sie diplo­ma­tisch. Die Großkanzleien können nicht mehr einfach jeden guten Anwalt aufsteigen lassen und zu Partnern machen. Das Geschäft wächst nicht mehr so stark, dass bei steigender Partn­erzahl die Gewinnan­teile für jeden einzelnen mindestens gleich hoch bleiben. „Irgendwann war für mich deutlich, dass das Wachstum nicht ausrei­chend für die Entwicklung des Teams sein würde. Um einen riesigen Schneeball um fünf Prozent zu vergrößern, muss er weiter rollen, als ein kleiner.“ Sie zieht die Konse­quenz und sieht sich nach Alter­na­tiven um.

Zu jung, um Partner zu sein, zu erfahren, um sich mit weniger zu begnügen.

Mengel gehört zu einer Generation von Anwälten, die mit den scheinbar unauf­halt­samen Wachs­tums­zahlen der Neunziger in den Beruf startet, als etwa die Abwicklung der DDR Wirtschaftsanwälten viel Arbeit beschert, gleich­zeitig inter­na­tio­na­li­siert sich der Markt enorm. Als dann um die Jahrtau­send­wende die Wirtschaft kriselt, spüren das junge Anwälte wie sie besonders stark. Zu jung, um Partner zu sein, zu erfahren, um sich mit weniger zu begnügen.

Wären die Zeiten andere, wäre Mengel mit großer Wahrschein­lichkeit Partnerin einer großen Kanzlei. Aber neue Zeiten bedeuten auch neue Erfah­rungen. Mengel merkt man an, wie sehr sie diesen Umstand genießt. „Egal, ob man Partner der Anfänger in einer Großkanzlei ist“, sagt sie, „die Abhängigkeit in diesen Struk­turen ist enorm, der einzelne hat kaum Freiheiten. Und jetzt hab ich das hier“, sagt sie, während sie über den Flur ihrer Kanzlei geht. Die Türen stehen offen, die Atmosphäre ist konzen­triert, aber gelöst. „Ich gestalte, baue auf, entscheide, bin Anwältin und Arbeit­ge­berin gleichermaßen.“

Die neue Rolle dürfte ihr nicht fremd sein. Seit Studi­en­zeiten ist Arbeits­recht ihr Spezi­al­gebiet – und das meist aus Arbeit­ge­ber­per­spektive. Heute zählen DAX-Konzerne, Mittelständler und Start-ups zu ihren Mandanten, die Rechts­be­ratung brauchen. „Den klassi­schen Mandanten gibt es bei uns aus Überzeugung nicht, wir betreuen sehr unter­schied­liche Unter­nehmen“, sagt Mengel. Im Alltag bewegt sich die Anwältin zwischen zwei Polen – dem großen Mandat, wie etwa eine Restruk­tu­rierung bei einem DAX-Konzern, und dem kleinen Mittelständler bei der ersten Betriebs­ratswahl. „Natürlich bin ich froh über spannende, große Mandate, bei denen ich das Team entspre­chend größer besetzen kann und logischer­weise steht dahinter auch ein Umsat­z­in­teresse. Aber mir gefällt eben auch die Abwechslung in der Arbeit, die ein komplexes Mandat bedeutet“, sagt sie. Dann sitzt sie in Betriebs­rats­ver­hand­lungen, muss moderieren, beraten und schlichten. „Das ist eine völlig andere Art der Heraus­for­derung, als wenn ich am Telefon sitze und mit meinem langjährigen Mittel­stands­man­danten spreche, der sich nie oder nur selten mit dem Betriebsrat streitet und nur Fragen zur Arbeits­ver­trags­ge­staltung oder einer einzelnen Kündigung hat.“

Diese Bandbreite, glaubt Mengel, sei gut für das Heranführen der jungen Kollegen an die Vielfältigkeit des Arbeits­rechts. „Kleinere Mandate kann ich sie auch mal alleine betreuen lassen, bei den größeren arbeiten wir eng zusammen.“ Junge Anwälte könnten in der Kommu­ni­kation mit ebenso jungen Mandanten auch einen anderen mensch­lichen Zugang finden. „Da wird dann geduzt und die Stimmung ist gleich ein bisschen lockerer, als wenn die alte Mengel anruft, die ja schon graue Haare hat.“

Das ist ein bisschen Koket­terie, ein Fünkchen rheini­scher Frohsinn und ein gutes Stück Führungs­qualität: Mengel weiß, wann ihr Einsatz kommt, sie drängt sich nicht nach vorne, weil sie die Chefin ist. Bei den in Berlin zahlreich vertre­tenen Start-ups unter den Mandanten ist das ähnlich. „Die wollen oft erst mal einfache Arbeits­ver­trags­be­ratung. Doch die Erfahrung zeigt, dass man auch da eine Menge falsch machen kann.“ Das zeigt sich meist dann, wenn es darum geht, sich von einmal einge­stellten Mitar­beitern zu trennen.

Greifen sie Entlas­sungen auch persönlich an? „Wenn jemand anruft, weil er Mitar­beiter kündigen muss, verstehe ich das als Heraus­for­derung an meine Profes­sio­nalität. Ich bin mit Leiden­schaft Anwältin und mit ebenso großer Leiden­schaft Arbeit­ge­beranwältin“, sagt Mengel. „In meinen über 15 Jahren Erfahrung in dem Metier habe ich immer wieder erfahren, dass die Kündigung zur Markt­wirt­schaft gehört, zum Wettbewerb, den wir hierzu­lande als Wirtschaftsform haben“. Wenn ein Unter­nehmen in einem Segment kein Geld mehr verdiene, müssten dort Jobs abgebaut werden. „Da geht es nicht um Gut und Böse, sondern um Betriebs­wirt­schaft.“

Grundsätzlich hält Mengel das Arbeits­rechts­system in Deutschland für einen Garant an Stabilität und Verlässlichkeit. Gleich­zeitig erlebt sie in der Praxis eine Wirtschaft, deren Protago­nisten in manchen Wissens­branchen immer flüchtiger zusam­men­ar­beiten – woraus Probleme erwachsen können, für die das deutsche Arbeits­recht keine angemes­senen Lösungen bereit hält. „Gerade Inter­net­un­ter­nehmen, die Dienst­leis­tungen verkaufen, brauchen beispiels­weise viele Webde­signer. Viele von ihnen sind überhaupt nicht auf der Suche nach einem Angestell­tenverhältnis“, sagt Mengel. Diese Experten kommen aber über längere Zeiträume bei ihrem Auftrag­geber zusammen, treffen sich im Konfe­renzraum, haben ihr festes Zimmer, nutzen die Büroinfra­struktur und erwarten eigentlich nichts von ihrem Auftrag­geber, als das pünktliche Begleichen ihrer Rechnungen. „Und dann kommt die Renten­ver­si­cherung und fordert wegen Schein­selbständigkeit vom Auftrag­geber die Beiträge zur Sozial­ver­si­cherung der letzten vier Jahre nach.“ Ein klassi­scher Fall für Mengel.

Dass sie eines Tages die Inter­essen von Unter­nehmern vertreten würde, dass Fachma­gazine sie zu den 25 besten Arbeits­rechtsanwälten Deutsch­lands wählen würden, dass sie an der Hamburger Bucerius Law School Studenten das Thema Compliance näher bringen würde – das ahnte die junge Anja Mengel kurz vor dem Abitur überhaupt nicht. „Ich bin zum Jurastudium im Ausschluss­prinzip gekommen. Die Schule fiel mir leicht, meine Deutschnoten waren sehr gut und Medizin wollte ich aufgrund meiner Behin­derung nicht studieren“, sagt sie. Vom ersten Semester an merkt sie, dass ihr das Fach liegt. „Mir wurde schnell klar, dass ich Zivil­recht­lerin sein wollte, öffent­liches Recht und Straf­recht habe ich erledigt, aber ohne Leiden­schaft.“

European Law Students’ Association

Als sie 1988 mit dem Studium in Köln beginnt, stößt sie auf die noch junge Juris­ten­ver­ei­nigung Elsa (European Law Students’ Association), die heute an mehr als 300 Universitäten in Europa lokale Fakultätsgruppen unterhält und mit circa 40.000 Mitgliedern als weltweit größte Verei­nigung von Jurastu­denten gilt. „Ich bin da ein bisschen zufällig in eine ziemlich kleine Veran­staltung an der Uni reinge­tapst. Ich war Schülerspre­cherin gewesen und dachte, Elsa sei vielleicht ein guter Ort, sich weiter zu engagieren.“ Aus dem Zufall wird Leiden­schaft: Für eineinhalb Jahre gehört Mengel schließlich dem Bundes­vor­stand der Verei­nigung an und trifft heute noch Freunde aus dieser Zeit. „Elsa war auch ein Weg, Europa kennen­zu­lernen. Damals war es keineswegs so, dass man mal eben irgendwo hinflog.Wir waren in Fahrge­mein­schaften im Auto unterwegs und haben in Turnhallen in Schlafsäcken übernachtet. Sponsoring gab es noch nicht und so kam es vor, dass sich 250 Delegierte von 25 Fakultätsgruppen in Bayreuth oder in Konstanz oder in Hamburg auf dem Segel­schul­schiff getroffen haben, um über die Zukunft zu disku­tieren.“ An der Universität arbeitet sie als studen­tische Hilfs­kraft am Lehrstuhl eines Arbeits­rechtlers, der ihr nach einem Frank­reich­auf­enthalt und dem Ersten Staats­examen ein Promo­ti­ons­thema aus dem Umwand­lungs­recht anver­traut. „Das war damals ein neues Gesetz und sehr spannend. Bis heute ist das Thema inmeiner Praxis relevant und ein Stecken­pferd von mir geblieben.“

Nach den Elsa-Jahren und der Promotion hatte Mengel viel von Europa gesehen, weshalb sie sich für Stipendien und ein Master­studium an der Columbia University in New York bewirbt – und rundum Zusagen erhält. „Das war für mich der Jackpot. Examens­sor­genfrei, in New York, finan­ziert und ohne allzu großen Druck verschiedene Themen auspro­bieren, das war wirklich fantas­tisch.“ Zurück in Deutschland beginnt sie ihr Referen­dariat in Berlin, entschwindet jedoch während der Wahlstation für ein halbes Jahr nach Israel. Dort sammelt sie auf Vermittlung zweier Freunde von der Columbia am Supreme Court Erfah­rungen als „Clerk“, einer Art wissen­schaft­licher Mitar­beiter der höchsten israe­li­schen Richter.

Der Schritt zur Fachanwältin für Arbeits­recht

1999 wird Anja Mengel Anwältin und arbeitet im Berliner und Stutt­garter Büro von Gleiss Lutz. Drei Jahre später ist sie Fachanwältin für Arbeits­recht und wechselt bis 2004 zu Linklaters in Berlin, bevor sie sieben Jahre lang bei Wilmer Hale die deutsche Praxis­gruppe Arbeits­recht leitet, zuletzt in Berlin und Frankfurt a.M.. „In New York hatte ich Großkanzleien kennen­ge­lernt und war faszi­niert von der Arbeit dort und der Inter­na­tio­nalität.“ Für Anja Mengel beginnt die Zeit, in der das Jahr 3.000 „billable hours“ hat und die schlimmen Wochen aus um die 100 Stunden in der Kanzlei bestehen. „Dafür sind Rossna­turen wie ich besonders gut geeignet“, sagt sie, „aber es ist auch eine Mischung aus Adrenalin und großer Überzeugung für das, was ich tue. Auch wenn es abgedro­schen klingt, habe ich das Dienen und Leisten aus dem Wort Dienst­leistung von Anfang an mit dem Anwalts­beruf in Verbindung gebracht.“

Inzwi­schen arbeitet Mengel immer noch viel, aber deutlich weniger als noch vor einigen Jahren. „Was mich heute motiviert, ist die Teament­wicklung. Noch vor meinem fünfzigsten Geburtstag möchte ich meine Mitar­bei­te­rinnen und Mitar­beiter so weit gebracht haben, dass ich nur noch die Mandate machen kann, die in ein vernünftiges Pensum passen.“ Bis es soweit ist, will Altenburg planvoll wachsen – mit jungen, talen­tierten Arbeits­rechts­ex­perten. Exzel­lente Noten sollen sie mitbringen, gern inter­na­tionale Erfahrung, Expertise im Arbeits­recht und das Gefühl dafür, was es heißt, Mandanten zum Wieder­kommen zu bewegen. „Man kann es leicht auf einen Nenner bringen.Wir suchen Unter­neh­mer­typen.“

Der Beitrag ist in Anwalts­blatt Karriere Heft 1/2015 erschienen.


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