Portrait

Clarissa Freun­dorfer - "Weil wir alle Anwälte sind"

Wann ist ein Anwalt wirklich Anwalt? Seit drei Urteilen des Bundes­so­zi­al­ge­richts verläuft ein Graben zwischen nieder­ge­las­senen Rechtsanwälten und Syndi­kusanwälten. Die Berliner Syndika Clarissa Freun­dorfer kennt beide Seiten und findet: Anwalt ist, wer quali­fi­ziert und unabhängig berät. Mit dieser Sicht steht sie nicht alleine da, wie die Berliner Rechts­an­walts­kammer in einer legendären Vollver­sammlung lernen musste. Im März wählten über 600 Mitglieder Freun­dorfer und sieben Gleich­ge­sinnte überra­schend in den Vorstand.

Die acht Revolutionäre stärken sich mit einem gemein­samen Mitta­gessen. „Das schaffen wir nicht, das können wir ja gar nicht schaffen, woher sollen die Leute denn alle kommen“, sagt einer am Tisch. Und viele Leute brauchen sie, wenn sie ihr Ziel erreichen wollen. Es ist der 11.März 2015 und am Nachmittag kommen die Mitglieder der Berliner Rechts­an­walts­kammer zusammen. Neben anderen Tages­ord­nungs­punkten soll über eine Frage entschieden werden, die viele für längst ausge­macht halten: Syndi­kusanwälte sollen berufs­rechtlich nicht als Anwälte behandelt werden – diesen Kurs verfolgt auch in Opposition zum Deutschen Anwalt­verein (DAV) und zum Bundes­verband der Unter­neh­mens­ju­risten (BUJ) die Bundes­rechts­an­walts­kammer (BRAK). „Doch, das schaffen wir“, sagt Clarissa Freun­dorfer, die auch mit am Tisch sitzt. Sie hat recher­chiert: Knapp über 1.000 Leute passen ins Auditorium im Haus der Kulturen der Welt. Wenn nur ein Teil der Freunde, Kollegen und Gleich­ge­sinnten kommt, die sie und ihre Mitstreiter angerufen, angemailt oder über Multi­pli­ka­toren erreicht haben, könnte das Haus tatsächlich voll werden. 1.000 Rechtsanwälte bei einer Kammer­ver­sammlung: Das wäre Berliner Rekord, vielleicht sogar bundesweit einzig­artig.

Um 15 Uhr soll es losgehen. Um 14.45 Uhr ist kaum jemand von Freun­dorfers Unterstützern da. Es ist ein warmer Frühlingstag und die ersten Eisdielen öffnen gerade. Wer will sich da schon stundenlang in einen fenster­losen Raum setzen, um das Berufs­recht zu disku­tieren? „Ich kann nicht leugnen, dass meine Aufregung in diesem Moment auf dem Höhepunkt war“, sagt Freun­dorfer heute. Bis plötzlich aus allen Richtungen Menschen auf den Eingang zuströmen, als hätten sie sich verab­redet, Clarissa Freun­dorfer und ihre Mitstreiter ein wenig auf die Folter zu spannen. Vor den Anmel­de­countern bilden sich lange Schlangen, sodass die Sitzung erst eine dreiviertel Stunde später anfangen kann.

Über 1.000 Teilnehmer bei einer Mitglie­der­ver­sammlung? Spätestens jetzt wird auch den Vorständen der Berliner Rechts­an­walts­kammer klar, dass sie auf eine besondere Sitzung zusteuern. Doch zunächst steht die Aussprache über das vergangene Geschäftsjahr an. „Man merkte, wie nervös die Kollegen wurden, als sie die Menschen­masse vor sich sahen“, sagt Freun­dorfer. Bei der Abstimmung über die Entlastung des Vorstandes hebt jedoch die große Mehrheit ihre Hände – auch Clarissa Freun­dorfer. „Ich hatte ja auch nichts Grundsätzliches auszu­setzen. Ich war nur in einem entschei­denden Punkt anderer Meinung.“

Können Syndi­kusanwälte noch Rechtsanwälte sein?

Bei dem entschei­denden Punkt geht es um nichts weniger als die Frage, ob Syndi­kusanwälte künftig noch Rechtsanwälte sein können. Aufge­worfen hatte die Frage das Bundes­so­zi­al­ge­richt, als es die Syndizi im April vorigen Jahres faktisch aus dem lukra­tiven Versor­gungswerk der Anwälte warf. Sie sollen wie alle Arbeit­nehmer in die gesetz­liche Renten­kasse einzahlen, das verlange das Gesetz, weil anwalt­liche Tätigkeit im Anstel­lungsverhältnis bei einem Unter­nehmen nie anwaltlich sein könne.

Clarissa Freun­dorfer kennt beide Welten: Fünf Jahre lang war sie Rechtsanwältin in der Großkanzlei CMS Hasche Sigle am Standort München. Seit 2010 arbeitet sie als Syndi­kusanwältin bei der Deutschen Bahn in Berlin, wo sie Fälle aus dem Gesell­schafts­recht, insbe­sondere in der juris­ti­schen Begleitung von inter­na­tio­nalen M&A-Trans­ak­tionen und Umstruk­tu­rie­rungen betreut.


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