Portrait

Clarissa Freun­dorfer - "Weil wir alle Anwälte sind"

Syndika und Rechtsanwältin: gleich­zeitig geht das nur mit einer Hilfs­kon­struktion, die sich über Jahre etabliert hat und die tausende Juristen in Deutschland nutzen – auch Clarissa Freun­dorfer. Sie hat eine Nebentätigkeits­ge­neh­migung der Rechts­an­walts­kammer für ihren Hauptjob bei der Deutschen Bahn, um die Zulassung behalten zu können – absurd, wie sie findet. „Die Zulassung läuft dann eben am Wohnsitz, man hat ein Schild an der Tür, bleibt für die Kammer erreichbar und zahlt seine Beiträge“, sagt Freun­dorfer. „Das lief so lange gut, wie alle Betei­ligten diese fried­liche Koexistenz toleriert haben.“

Kampf um den Syndikus

Die drei Urteile des Bundes­so­zi­al­ge­richts waren deshalb auch so etwas wie eine Kriegserklärung, ein Ende des jahre­langen und zur Gewohnheit gewor­denen Waffen­still­stands der Parteien. „Als gleich­wertig haben uns die nieder­ge­las­senen Anwälte nie angesehen“, sagt Freun­dorfer, „das hat das Urteil nur bestätigt. Jetzt geht es aber für viele auch ans Einge­machte, die Alters­ver­sorgung.“ Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte konnten sich bislang von der gesetz­lichen Renten­ver­si­cherung befreien lassen und in regionale Versor­gungs­werke einzahlen. Die Erträge im Alter liegen im Schnitt deutlich über denen der gesetz­lichen Renten­kasse. Und bei einemWechsel zwischen Kanzleien und Unter­nehmen gibt es keine gebro­chenen Versor­gungs­bio­gra­phien. Auf diese Weise können Anwälte imRen­ten­al­termit deutlich besseren Zahlungen rechnen, selbst wenn sie das gleiche wie Angestellte einbe­zahlt haben. „Eigentlich hatten von dieser Regelung alle etwas“, sagt Freun­dorfer, „weil es viele gute Beitrags­zahler gab.“

Umso schockierter reagierten viele Syndi­kusanwältinnen und -anwälte auf das Urteil des Bundes­so­zi­al­ge­richts – und wandten sich an ihre Anwalts­kammern. Dies war auch der Moment, der Clarissa Freun­dorfer mit dem Thema in Berührung brachte. Zwar genießt sie Bestands­schutz bei ihrem momen­tanen Arbeit­geber, doch ein poten­zi­eller Jobwechsel würde für sie das Ende der Befreieung von der Renten­ver­si­che­rungs­pflicht bedeuten. „Ich hoffte, dass jetzt endlich Schluss wäre mit den Hilfs­kon­struk­tionen und die Kammer klar für die Anerkennung der Unter­neh­mens­ju­risten als Anwälte Stellung beziehen würde“, sagt Freun­dorfer. Zumal es seit Ende vergan­genen Jahres ein Eckpunk­te­papier aus dem Justiz­mi­nis­terium von Heiko Maas gibt, das vorsieht, Syndi­kusanwälte in der anwalt­lichen Berufs­ordnung offiziell zu Rechtsanwälten zu erklären. Doch die Berliner Rechts­an­walts­kammer beein­druckte das wenig, ebenso wie die Tatsache, dass sich Kammern in Frankfurt, Köln und München „pro Syndikus“ positio­niert hatten.

Zu diesem Zeitpunkt weiß Clarissa Freun­dorfer noch nicht, dass ausge­rechnet sie eine derje­nigen sein wird, die für die Berliner Syndi­kusanwälte aus der Deckung kommen wird, um hunderte von Kolle­ginnen und Kollegen zu mobili­sieren und um sich mit ihren nieder­ge­las­senen Kollegen Wortge­fechte in einer revolutionären Sitzung zu liefern, die – falls es in derWelt der juris­ti­schen Bericht­er­stattung so etwas gibt – Schlag­zeilen machte.


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