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Antworten von Mechtild Düsing, Vorsit­zende der Arbeits­ge­mein­schaft Agrar­recht

Warum sollte sich der Nachwuchs für das Agrarrecht begeistern?

Das Agrar­recht ist eine sehr inter­essante Querschnitts­ma­terie. Landwirt­schaft­liche Unter­nehmen brauchen heutzutage Rechts­be­ratung auf sehr vielen Gebieten, mit denen die Bäuerinnen und Bauern in früherer Zeit nichts zu tun hatten. Bestanden Gerichts­kon­takte in der Vergan­genheit zum Grund­buchamt oder allen­falls zum Landwirt­schafts­ge­richt beim Amtsge­richt, kann es jetzt vorkommen, dass Prozesse bei obersten Bundes­ge­richten und insbe­sondere auch beim Europäischen Gerichtshof geführt werden müssen. Bekanntlich erzeugen Landwir­tinnen und Landwirte auf ihren Äckern nicht nur Nahrung für Mensch und Tier, sondern sind inzwi­schen auch zu Energie­wirten geworden mit Hilfe von Fotovol­taik­an­lagen, Windparks und Biogas­an­lagen.

Anwältinnen und Anwälte, die sich auf die Beratung von Landwirten spezia­li­sieren, müssen sich demnach neben dem BGB auch im landwirt­schaft­lichen Erbrecht, im europäischen Agrar­recht, im Natur­schutz­recht, im Tierschutz­recht, im Gesetz über den Ausbau erneu­er­barer Energien und vielen anderen Rechts­ge­bieten auskennen.

Ein Überblick über die mit dem Agrarrecht zusammenhängenden Rechtsmaterien erhält man unter anderem in den Fachanwaltskursen für den Fachanwalt für Agrarrecht (zum Beispiel bei der Deutschen Anwaltakademie). Angesichts der Tatsache, dass es in Deutschland (Stand: 1. Januar 2018) 275.000 landwirtschaftliche Betriebe, jedoch nur 165 Fachanwälte für Agrarrecht gab, ist es durchaus möglich, sich einen festen Mandantenstamm aus landwirtschaftlichen Betrieben aufzubauen.

Alle reden von der Digitalisierung. Auch ein Thema im Agrarrecht?

Selbst­verständlich ist die Digita­li­sierung auch in der Landwirt­schaft angekommen. In den landwirt­schaft­lichen Betrieben läuft nichts mehr ohne Computer und Internet. Anträge für bestimmte Agrarförderungsmaßnahmen sind manchmal sogar verpflichtend online zu stellen, und in vielen Bereichen, wie zum Beispiel für die EU-Direkt­zah­lungen oder für die Regis­trierung von Rindern, schreibt das EU-Recht den Landwir­tinnen und Landwirten die Verwendung bestimmter Daten­banken vor. Auch hier bedarf es öfters anwalt­licher oder zumindest fachlicher Beratung.

Was brauchen Anwälte und Anwältinnen im Agrarrecht, was sie in der Juristenausbildung nicht lernen?

Wie bei jeder Spezia­li­sierung reicht die Ausbildung an der Universität und im Referen­dariat für die Gewinnung und Betreuung von agrar­recht­licher Mandant­schaft nicht aus. Zwar hat man in der Ausbildung etwas vom Europa­recht gelernt, sich aber nicht mit dem spezi­ellen europa­recht­lichen Agrar­recht befasst mit seinen oft sehr umfang­reichen, unübersicht­lichen und sich ständig ändernden Verord­nungen, die zudem noch Umset­zungs­spielräume für die Mitglied­staaten enthalten. Ist es allgemein schon in vielen spezi­ellen Rechts­ge­bieten schwierig, die maßgeblichen Rechts­normen in der für den konkreten Fall gültigen Fassung überhaupt zu finden, so stellt dies im Agrar­recht selbst mit langer Berufs­er­fahrung immer wieder eine besondere Heraus­for­derung dar. Auch fehlt es an Kennt­nissen im landwirt­schaft­lichen Erbrecht, im landwirt­schafts­ge­richt­lichen Verfah­rens­recht und im Landpacht­recht. Die Ausbildung an der Universität und in der Referendarzeit befähigt jedoch jede junge Juristin und jeden jungen Juristen, sich in die Spezial­ma­terie des Agrar­rechts anhand der Geset­zes­texte und der Fachli­te­ratur einzu­ar­beiten. Um die Kompe­tenzen nach außen sichtbar zu machen, ist sicherlich auch der Erwerb des Fachan­walts­titels für Agrar­recht zu empfehlen.