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Antworten von Eva Becker, Vorsit­zende der Arbeits­ge­mein­schaft Famili­en­recht

Warum sollte sich der Nachwuchs auf das Familienrecht spezialisieren?

Wer inter­na­tional tätig sein will und sich für Arbeits­recht ebenso inter­es­siert, wie für Gesell­schafts-, Immobilien-, Steuer und Erbrecht, der sollte sich auf Famili­en­recht spezia­li­sieren. Die Bandbreite der Rechts­ge­biete, in denen man arbeitet, ist damit noch nicht erschöpfend aufgezählt. Zugleich kann man auswählen, ob man allein, in kleiner Struktur oder lieber in einer größeren Kanzlei arbeiten möchte, denn auch große Sozietäten bieten häufig als Teil ihres Gesamt­an­gebots das Famili­en­recht an. Wer Famili­en­recht als Gebiet der Spezia­li­sierung wählt, muss sich auch nicht zwischen vorsorgend rechts­be­ra­tender und foren­si­scher Tätigkeit entscheiden: Beides ist gefragt, wenn man Famili­en­recht betreibt. Die gericht­liche Tätigkeit bietet in Folge der Reformflut zudem weidlich Möglich­keiten, sich vor Ober- und Bundes­ge­richten zu profi­lieren und im Instan­zenzug kreativ mit dem Recht umzugehen. Wenn dann am Ende eines Mandats neben den mannig­fal­tigen Recht­fragen auch noch die Lebens­krise des Mandanten gemeinsam mit diesem überwunden ist, dann macht Famili­en­recht auch noch glücklich.

Wie wird sich das Familienrecht in den nächsten fünf Jahren wandeln?

Stetiger Wandel wohnt dem Familienrecht wie keinem anderen Rechtsgebiet inne. Jede Generation „verhandelt“ die Regeln ihres Zusammenlebens neu, was sich in den fortwährenden Reformen des Familienrechts niederschlägt. Schien gestern noch der Rechtsgrundsatz „mater semper certa est“ („die Mutter ist immer sicher“) unumstößlich, so legen die tatsächlichen und rechtspolitischen Entwicklungen nahe, dass selbst das in Zukunft alles andere, als sicher ist. Der in der Rechtsberatung bereits gängigen Komplexität, Lösungen für Mandanten zu finden, die in Patchworkfamilien leben, wird absehbar die nicht weniger komplexe Thematik folgen, wie die rechtlichen Änderungen in Abstammungsfragen sich im Mandat auf Unterhalt und Betreuung auswirken werden. Diesen stetigen Wandel in der Rechtsberatung nachzuvollziehen, macht das Arbeitsgebiet hoch attraktiv. Zugleich muss man sich nicht sorgen, dass legal tech die kompetente Rechtsberatung im Familienrecht ersetzt: Den Seitensprung kann eine Maschine nach wie vor rechtlich nicht bewerten. Stattdessen kann man seine technischen Fähigkeiten gewinnbringend einsetzen, indem man modernes Kanzlei- und Wissensmanagement einsetzt.

Was brauchen junge Anwältinnen und Anwälte im Familienrecht, was sie in der Juristenausbildung nicht lernen?

Famili­en­recht fordert alle „soft skills“ ein, die das Studium nur im Ansatz vermittelt, wie Kennt­nisse in der Verhand­lungsführung, kaufmännisches Geschick und psycho­so­ziale Kompetenz. All das mag auch für eine erfolg­reiche Tätigkeit auf anderen Rechts­ge­bieten wünschenswert sein. Im Famili­en­recht sind diese Kompe­tenzen zwingend: Der emoti­onslose Mandant, dessen Mandat zügig und sachlich wie ein sonstiges Zivil­rechts­mandat abgewi­ckelt werden kann, ist die Ausnahme. Die meisten Mandanten befinden sich in einer emotio­nalen Ausnah­me­si­tuation: Die Frau, wahlweise der Mann, ist weg, der Verlust des Kindes droht, die wirtschaft­liche Existenz steht auf dem Spiel. Will man Mandanten, deren Fähigkeit zur Infor­ma­ti­ons­ver­mittlung, zur Einschätzung der Lage und zur Entscheidung in Folge der Krise massiv eingeschränkt ist, nicht nur guten Rechtsrat leisten, sondern auch noch erfolg­reich erläutern, dass dieser angemessen zu vergüten ist, bedarf es schon eines beson­deren Geschickes. Zugleich muss man lernen, den Mandanten behutsam zu führen, ohne sich dessen Entscheidung übertragen zu lassen, und seine Befind­lich­keiten und Forde­rungen sachlich zu kommu­ni­zieren, was Überzeu­gungs­kraft sowie innerer und äußerer Unabhängigkeit bedarf. Deshalb ist die Tätigkeit im Famili­en­recht anstrengend und arbeits­in­tensiv. Sie ist aber zugleich facet­ten­reich und zutiefst befrie­digend.