Trends

Antworten von Ralph Binder, Vorsit­zender der Arbeits­ge­mein­schaft Kanzlei­ma­na­gement

Warum braucht der Nachwuchs Know-how im Kanzleimanagement?

Schon die Frage zeigt das Dilemma. Ich will sie noch deutlich provokanter stellen: Warum sollte der Nachwuchs den Beruf erlernen, den er später ausüben will? Die Antwort ist also: Weil wir uns darüber im Klaren sein müssen, dass wir einem Beruf nachgehen, den wir in Studium und Referendarzeit nicht erlernt haben. Trotzdem: Die Geschichte zeigt, dass Generationen von Anwälten ganz gut ohne „Know-how im Kanzleimanagement“ ausgekommen sind, dass das Erlernen juristischer Techniken ganz gut gereicht hat für den Anwaltsberuf. Der Begriff „Kanzleimanagement“ selbst tauchte ja im deutschsprachigen Raum überhaupt erst Ende der 1990er Jahre auf und steht seither vor allen für folgende Themen:

- Büroorganisation im engeren Sinne
- Strategieentwicklung
- Kundenorientierung (= Marketing)
- Geschäftsmodellentwicklung
- Führung
- Rechnungswesen mit Controlling und Preisbildung
- Finanzierung
- Dazu wird nach meiner Meinung verstärkt der Bereich Informatik kommen.

Warum also nun auf einmal Kanzlei­ma­na­gement, wenn es bisher auch ohne ging? Es gibt dazu eine Reihe augenfälliger Trends und auch einige weniger deutliche.

- Die Globalisierung führt zu gesteigerten Anforderungen an die Beratung durch den Anwalt
- Änderung der Leistungserstellungsprozesse durch Digitalisierung
- Effizienz („more for less“ und gestiegene Kundenerwartungen)
- Liberalisierung (mehr Wettbewerb durch Werbung, teilweise Freigabe der Preise; fällt das Fremdbeteiligungsverbot?)
- Technologie („New Law“, Alternative Dienstleister)
- Generation Y
- Demografischer Wandel
- Disruptive Innovationen („New Law“)
- 148.000 Anwälte in Deutschland
- Freigabe der Rechtsberatung durch RDG in gewissen Bereichen
- Verrechtlichung aller Lebensbereiche

Welche Trends werden im Kanzleimanagement in den nächsten fünf Jahren kommen?

Ich bin kein Prophet und werde mich hüten, mich als solcher zu betätigen. Wenn wir den in der Frage auftau­chenden Fünfjah­res­zeitraum weglassen, sehe ich diese Trends:

- Nach meiner Auffassung werden die Preise freigegeben werden und das Fremdbeteiligungsverbot wird fallen.
- Anwälte werden mehr Software einsetzen, um bereits standardisierte und weitere standardisierbare Prozesse effektiv sowie effizient zu organisieren. Dazu gehören technische Werkzeuge zur Sachverhaltserfassung und -analyse genauso wie technisch unterstützte Büroabläufe.
- Anwälte werden sich im Bereich Informatik aus- und fortbilden.
- Damit wird sich auch das Anforderungsprofil an Anwälte grundlegend ändern.
- Teile des Anwaltsmarktes werden nicht mehr wettbewerbsfähig sein, weil sie die Entwicklung verschlafen haben, vor allem die Bereiche Strategie, Kundenorientierung, Geschäftsmodellentwicklung und den technologischen Fortschritt.
- Der Rechtsberatungsmarkt wird sich viel mehr an den Kundenbedürfnissen orientieren.
- Der Preisdruck wird stark zunehmen. Die Anwälte werden lernen müssen, sich den Markt mit sog. alternativen Rechtdienstleistern zu teilen und sich in diesem Markt mit einem ständig nachjustierten Geschäftsmodell zu behaupten. Dazu kommt, dass sich im Anwaltsmarkt viele Intermediäre breit aufgestellt haben, die anwaltliche Dienstleistungen durch Mandatsvermittlung organisieren. Das ist für die Anwaltschaft schon jetzt ein Nadelöhr.
- Das Nachwuchsproblem in der Anwaltschaft wird sich deutlich verschärfen.
- Die Anforderungen an sog. nichtjuristische Mitarbeiter werden sich fundamental ändern. Den/die Rechtsanwaltsfachangestellte/n in der heutigen Form und mit der jetzigen Ausbildung wird es also nicht mehr geben.

Es wird also sehr spannend!

Was brauchen junge Anwältinnen und Anwälte für den Berufseinstieg an Legal Tech, was sie in der Juristenausbildung nicht lernen?

Dazu müssten wir zunächst einmal klären, was mit „Legal Tech“ eigentlich gemeint ist. Der Begriff wird ja inflationär gebraucht und gilt in der Branche eher als „Angst­macher“. Das hat mit fehlender Begriffs­klarheit und damit zu tun, dass Anwälte die Technik, die, in welchem Umfang auch immer, dahin­ter­steht, nicht verstehen können. Sie sind ja keine Infor­ma­tiker! Soweit darunter eine EDV-gestützte Sachver­halts­er­fassung und -analyse mit anschließender Bearbeitung „zu Fuss“ gemeint ist, haben wir es mit der oben bereits angespro­chenen Intermediärs-Proble­matik zu tun. Und die ist kein Problem von Legal Tech, sondern des Geschäftsmo­dells!

Wenn es aber tatsächlich um Digital Law geht, kann ich dazu nur sagen: Der Nachwuchs muss lernen und wissen, wie eine Software funktio­niert und wie sie program­miert ist. Das muss die Juris­ten­aus­bildung in Zukunft berücksich­tigen.