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Antworten von Stephan Schmidt-Jochum, Mitglied im Geschäftsführenden Ausschuss der Arbeits­ge­mein­schaft Mediation

Warum sollte der Nachwuchs Mediator oder Mediatorin werden?

„Mediation findet statt“, das ist die kurze und für die aktiven Media­toren erfreu­liche Feststellung. Sie findet statt in verschie­denen Bereichen, in denen Konflikte auftreten. Eine hohe Bedeutung hat die Mediation in den Konflikt­si­tua­tionen, die durch eine persönliche oder auch geschäftliche Nähebeziehung der Strei­tenden geprägt werden. Kennzeichnend hierfür ist, dass sich ein Konflikt grundsätzlich auf verschie­denen Ebenen auswirkt und die Betei­ligten in der Regel auch nach einer mehr oder weniger erfolg­reichen Konflikt­be­ar­beitung mit einander in Kontakt stehen.

„Mediation findet statt“, das ist auch die Botschaft, die jede junge Rechtsanwältin und jeder junge Rechts­anwalt hören sollte. Ihre zunehmend steigende Bedeutung zwingt zur Beschäftigung mit dem Thema Mediation, nicht zuletzt auch, weil schon 2012 das Media­ti­ons­ge­setzes in Kraft getreten ist.

Das Konzept der Mediation in seiner heutigen Form wurde Anfang der 1970er Jahre entwi­ckelt; zunächst in den USA, später auch in Europa. Media­ti­ons­ver­fahren sind struk­tu­rierte Verhand­lungs­ver­fahren, die idealer­weise Konfliktlösungen hervor­bringen, die im Ergebnis von allen Betei­ligten akzep­tiert werden. Sie unter­scheiden sich in vielerlei Hinsicht von anderen Formen der Konflikt­re­gelung, insbe­sondere von Gerichts­ver­fahren oder auch Schieds­ver­fahren. Mediation versucht, durch die Anwendung verschie­dener Methoden neue Wege zu gehen, um Konflikte anders – als für Rechtsanwälte häufig gewohnt – also nicht durch Konfron­tation – zu lösen. Sie lässt sich vor allem durch die Einhaltung bestimmter Prinzipien und eines struk­tu­rierten Verfah­rensab­laufes beschreiben.

Die Einsatz­felder von Mediation sind sehr vielfältig, da es sich um ein univer­selles Konfliktlösungs­konzept handelt. Haupt­an­wen­dungs­gebiet sind Strei­tig­keiten im familiären Kontext, vor allem bei famili­en­recht­lichen und erbrecht­lichen Konflikten, zunehmend jedoch auch im wirtschaft­lichen Bereich (Wirtschafts­me­diation) sowie auch in den Bereichen des öffent­lichen und privaten Baurechts.Für den prakti­zie­renden Rechts­anwalt gibt es seit Inkraft­treten des Media­ti­ons­ge­setzes eine Vielzahl an Berührungs­punkten mit der Mediation in seiner täglichen Arbeit. So soll gemäß § 253 Abs. 3 Nr. 1 ZPO bereits in der Klage­schrift Angaben darüber enthalten sein, ob der Klage­er­hebung der Versuch einer Mediation oder eines anderen Verfahrens der außergericht­lichen Konflikt­bei­legung voraus­ge­gangen ist, sowie eine Äußerung dazu, ob einem solchen Verfahren Gründe entge­gen­stehen. Weiter sieht § 278a ZPO vor, dass das Gericht den Parteien eine Mediation oder ein anderes Verfahren der außergericht­lichen Konflikt­bei­legung vorschlagen kann (Abs. 1). Entscheiden sich die Parteien zur Durchführung einer Mediation oder eines anderen Verfahrens der außergericht­lichen Konflikt­bei­legung, ordnet das Gericht das Ruhen des Verfahrens an (Abs. 2). Gemäß § 278 Abs. 5 ZPO kann das Gericht die Parteien für die Gütever­handlung sowie für weitere Gütever­suche vor einen hierfür bestimmten und nicht entschei­dungs­be­fugten Richter (Güterichter) verweisen. Der Güterichter kann alle Methoden der Konflikt­bei­legung einschließlich der Mediation einsetzen.

Besonders hinzu­weisen ist in diesem Zusam­menhang auf die durch das Media­ti­ons­gesetz geprägten Neuerungen im famili­en­ge­richt­lichen Verfahren gemäß §§ 36, 36a, 135, 155, 165 FamFG. So sieht § 135 FamFG vor, dass das Famili­en­ge­richt zur Förderung außergericht­licher Streit­bei­legung über Folge­sachen „anordnen kann, dass die Ehegatten einzeln oder gemeinsam an einem kosten­freien Infor­ma­ti­ons­gespräch über Mediation (…) teilnehmen und eine Bestätigung hierüber vorlegen“. Eine vergleichbare Regelung sieht § 156 FamFG in Kindschaftssachen vor. Eine Rechtsanwältin bzw. ein Rechts­anwalt, der einen Rechtss­treit im Bezirk eines mit der Mediation vertrauten Gerichts führt, muss also damit rechnen, dass er sich inten­siver mit dem Thema Mediation und seinen Auswir­kungen auf den Rechtss­treit, sich selbst und seinen Mandanten befassen muss! Daher ist es für die Rechtsanwältin und den Rechts­anwalt sicher mehr als hilfreich, zumindest Grund­kennt­nisse der Mediation zu besitzen, insbe­sondere auch über die im Rahmen der juris­ti­schen Universitätsaus­bildung (gegebe­nen­falls) erwor­benen Schlüsselqua­li­fi­kation hinaus. Eine substan­ziell weit anspruchs­vollere Schnitt­stelle des Rechts­an­waltes mit der Mediation im beruf­lichen Alltag besteht daher darin, diese Form der Konflikt­re­gelung in das eigene Dienst­leis­tungs­an­gebot mit aufzu­nehmen. Mediation ist nicht auf Vergan­gen­heitsbewältigung gerichtet, sondern hat eine zukunfts­ori­en­tierte Perspektive. Sie schafft die Grundlage für die weitere Zusam­men­arbeit der Parteien. Erfah­rungsgemäß werden Media­ti­ons­ver­fahren in deutlich kürzerer Zeit durchgeführt, als gericht­liche Verfahren. In der Regel können Gebühren eines Gerichts­ver­fahrens und Sachverständigen­kosten einge­spart werden. Das Verfahren ist im Weiteren streng vertraulich.

Erfolg­reiche Media­ti­ons­ver­fahren führen zu höherer Akzeptanz der gefun­denen Ergeb­nisse und damit auch zu einer größeren Zufrie­denheit der Parteien. Das Verfahren wird als fair, rational und verständlich empfunden. Anders als in der gericht­lichen Ausein­an­der­setzung gibt es im Rahmen eines erfolg­reichen Media­ti­ons­ver­fahrens keine Gewinner und Verlierer. Es wird gemeinsam eine Lösung erarbeitet, die für alle Betei­ligten von Nutzen ist (sog. Win-win-Lösung). Während bei Gericht nur über bestimmten Antrag entschieden wird, bietet die Mediation größere Flexi­bilität. Durch Sie können die Inter­essen aller Parteien unter Einbe­ziehung aller erheb­lichen Aspekte betrachtet werden. So werden im Ergebnis kreativere Lösungen erzielt. Die Parteien bestimmen die Themen, den Fortgang sowie den Ausgang des Verfahrens selbst. Sie sind eigen­ver­ant­wortlich und nicht abhängig von der Entscheidung eines Richters.

Wie kann der Nachwuchs mit Mediation Geld verdienen?

Auch wenn sich bisher die Fallzahlen für Media­tionen noch eher in einem unteren Rahmen bewegen und es realitätsfern wäre, zu behaupten, dass mit Mediation größere Umsätze zu generieren sind, so nimmt die Bedeutung der Mediation im Alltag nicht zuletzt auch wegen des wachsenden Bekannt­heits­grades konti­nu­ierlich zu. Die Fälle, in denen ganz gezielt nach Mediation gefragt wird, werden steigen, ebenso wie Anfragen aus dem Kolle­gen­kreis und von aktiven Media­toren, ob in einem Streitfall auch die Mediation als Alter­native zur strei­tigen Ausein­an­der­setzung in Frage kommt. Darüber hinaus ist es in Zeiten zunehmend starker Konkurrenz der Rechtsanwälte auf einem hart umkämpften Markt nicht zuletzt ein Marke­ting­in­strument, wenn Mediation als zuständige Quali­fi­kation angeboten werden kann. Der Einsatz von Mediation trägt erheblich zur Mandan­ten­bindung und -Neuge­winnung bei. Dies gilt umso mehr, da Mandanten in Zukunft wegen der zuneh­menden Öffent­lich­keits­wirkung explizit nach Mediation nachfragen werden.

Anwalt­liche Media­to­rinnen und Media­toren rechnen ihre Leistungen auf dem Gebiet der Mediation in der Regel nach Zeitho­norar ab. Die Stundensätze sind hierbei unter­schiedlich und liegen in der Spanne von 80 Euro bis über 400 Euro pro Stunde. Eine im Auftrag der Arbeits­ge­mein­schaft Mediation im DAV angefer­tigte Studie ermit­telte kürzlich einen aktuellen Durch­schnittswert zwischen 150 Euro bis 250 Euro. Handelt es sich um aufwen­digere Media­ti­ons­ver­fahren (zum Beispiel solche im öffent­lichen oder auch wirtschafts­recht­lichen Bereich), so wird in der Regel nach Tagessätzen zwischen 800 Euro und 2.500 Euro abgerechnet.

Was brauchen junge Anwältinnen und Anwälte für die Mediation, was sie in der Juristenausbildung nicht lernen?

Viele Rechtsanwälte sind der Auffassung, dass Mediation nichts anderes sei, als dass, was sie im Rahmen der täglichen Praxis ohnehin leisten: Verhandeln und Einigungen erzielen. Diese Feststellung ist schlichtweg falsch. Mediation bedeutet für den Rechts­anwalt ein Zurücknehmen der eigenen Rolle als Partei­ver­treter, ein Einlassen auf neue Formen von Verhandlung und Kommu­ni­kation sowie ein völlig verändertes Verhältnis zum Mandanten. Das muss man und das kann man lernen. Insoweit ist eine fundierte Ausbildung unerlässlich, wenn Rechtsanwälte und Rechtsanwältinnen als Media­toren tätig sein wollen. Dies bestimmt nicht zuletzt § 7 a BORA sowie § 5 Media­tionsG, wonach sich Rechtsanwälte (nur) als Media­toren bezeichnen dürfen, wenn sie durch eine geregelte Ausbildung nachweisen können, dass sie die Grundsätze des Media­ti­ons­ver­fahrens beherr­schen.

Zu den Ausbil­dungs­in­halten, die zwingend erlernt werden müssen, gehören vor allem Kennt­nisse in Kommu­ni­kation, Visua­li­sierung, Gesprächsführung, Frage­tech­niken und Deeska­la­ti­ons­tech­niken, die theore­tisch, aber vor allem auch in der prakti­schen Anwendung eingeübt werden müssen. Für eine fundierte Grund­aus­bildung in Deutschland müssen mindestens 120 Stunden abgeleistet sowie Kosten ab etwa 3.000 Euro einge­plant werden.

Ausbil­dungs­an­gebote gibt es mittler­weile in einer ausrei­chenden Anzahl in Deutschland. So bietet beispiels­weise die Deutsche Anwalts­aka­demie ebenso wie die FernU­ni­versität Hagen oder die Universität Frankfurt/Oder eine fundierte Ausbildung an, um hier drei der wichtigsten Ausbil­dungs­in­stitute an dieser Stelle zu nennen. Es gibt mittler­weile darüber hinaus eine Reihe anderer staat­licher und privater Anbieter, die ebenfalls quali­fi­zierte Ausbil­dungen offerieren.

Der Deutsche Anwalt­verein hat die Bedeutung der Mediation erkannt und bereits im Jahre 1998, mithin vor mehr als 20 Jahren, die Arbeits­ge­mein­schaft Mediation gegründet, der mittler­weile rund 660 Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte angehören. Die Arbeits­ge­mein­schaft Mediation im DAV steht als Ansprech­partner für Fragen rund um das Thema Mediation zur Verfügung. Eine Media­to­ren­listen gibt Inter­es­sierten die Möglichkeit, schnell quali­fi­zierte Rechtsanwälte und Rechtsanwältinnen, die zugleich Media­toren sind, zu finden.

Die Bedeutung der Mediation nimmt ständig zu. Die Beschäftigung mit der Mediation ist demzu­folge notwendig. Sie berei­chert nicht nur die Parteien, sondern auch den beruf­lichen Alltag des Rechts­an­waltes. Daher lohnt es sich, inten­siver über die Mediation nachzu­denken und sie als Teil des beruf­lichen Spektrums anzusehen. Dies gilt in Zukunft umso mehr, denn Mediation findet mehr und mehr statt.