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Antworten von Dr. Rudolf Ratzel, Vorsit­zender der Arbeits­ge­mein­schaft Medizin­recht

Warum sollte sich der Nachwuchs auf das Medizinrecht spezialisieren?

Das Medizin­recht ist ein Querschnittsfach über das klassische Arzthaf­tungs­recht, das Recht der Heilberufe, Medizin­straf­recht, das Gesell­schafts­recht der Heilberufe, Kranken­haus­recht, Vergütungs­recht und ganz wichtig Vertrags­arzt­recht einschließlich des Rechts der gesetz­lichen Kranken­ver­si­cherung. Medizin­recht wird von politi­schen und gesell­schafts­recht­lichen Strömungen ähnlich wie das Steuer­recht stark geprägt. Wer hieran Interesse hat, auf den wartet ein Arbeitsfeld auf dem Lange­weile ein Fremdwort ist. Gefordert ist aller­dings ein nicht nur juris­ti­sches Interesse an diesen Rahmen­be­din­gungen, sondern man muss auch Position beziehen können. Das Gesund­heits­wesen zählt heute zu den größten Indus­trien in Deutschland und Europa. Wo so viel Geld bewegt wird, sind die Vertei­lungskämpfe zum Teil heftig. Gesell­schafts­po­li­ti­sches Engagement, gleich in welcher Richtung, ist daher ein gutes Motiva­ti­ons­in­strument für Medizin­rechtler

Wie wird sich das Medizinrecht in den nächsten Jahren wandeln?

Die Digita­li­sierung macht auch vor Arztpraxen und Kliniken nicht halt. Umso wichtiger werden die Schutzmaßnahmen für sensible Patien­ten­daten. Die DGSVO spielt gerade im Gesund­heits­wesen eine sehr wichtige Rolle. Wer sich mit Medizin­pro­dukte- oder Arznei­mit­tel­recht befasst, musste sich schon bislang im Europa­recht auskennen. Dieser Trend wird auch andere Bereiche zunehmend erfassen, insbe­sondere nachdem die Teleme­dizin und überhaupt das Fernbe­hand­lungs­verbot weitgehend aufge­hoben wurde. Das Gesund­heits­wesen ist ein großer Markt. Dies bringt es mit sich, dass Private Equity Kapital hier in den letzten Jahren einen scheinbar sicheren und lukra­tiven Hafen gefunden hat. Kapita­l­ori­en­tierte Anlage­stra­tegien und sozial­ver­si­che­rungs­recht­liche Versor­gungs­ge­sichts­punkte haben nicht immer große Schnitt­mengen. Der Medizin­rechtler wird häufig in diesen Konflikten hinzu­ge­zogen.

Was brauchen junge Anwältinnen und Anwälte im Medizinrecht, was sie in der Juristenausbildung nicht lernen?

Viele Universitäten haben sich in diesem Bereich in den vergan­genen Jahren weiter­ent­wi­ckelt und medizin­recht­liche Schwer­punkte in ihre Ausbil­dungsgänge integriert. Dennoch ist es eine Tatsache, dass trotz sehr verdienst­voller Anstren­gungen in diesem Bereich die für das Medizin­recht unabdingbare Erfahrung erst im wirklichen Beruf erarbeitet werden kann. Gerade weil die Dynamik im Medizin- und Gesund­heits­recht so stark wie vielleicht nur noch im Steuer­recht ist, kann nur die Arbeit „in freier Wildbahn“ einen Eindruck von dem vermitteln, was Medizin- und Gesund­heits­recht wirklich ist. Ein weiteres Merkmal ist die Schnel­ligkeit der Entschei­dungs­pro­zesse. Wer seinen Weg zum richtigen Ergebnis seminarmäßig vorbe­reitet, mag irgendwann eine ausge­wogene Entscheidung haben: Sie findet aber keine Abnehmer mehr, weil andere – dem Druck gehor­chend – gehandelt haben.