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Antworten von Dr. Martin Wulf, Vorsit­zender der Arbeits­ge­mein­schaft Steuer­recht

Warum sollte sich der Nachwuchs auf das Steuerrecht spezialisieren?

Steuer­recht ist vielfältig. Steuer­recht­liche Probleme treten in allen Lebens­be­reichen auf, bei Privat­leuten und in Unter­nehmen, bei Vereinen und Verbänden, bei dem Imbiss um die Ecke oder in einem inter­na­tio­nalen Großkonzern. Eine Lösung der steuer­recht­lichen Probleme setzt stets voraus, den Lebens­sach­verhalt im Detail zu verstehen, um dann mit dem Mandanten gemeinsam Lösungen zu entwi­ckeln. Steuer­recht ist deshalb im echten Leben so vielfältig wie das Leben selbst.

Darüber hinaus knüpft das Steuer­recht vielfach an andere Rechts­ge­biete an, so dass es sich gut mit anderen Inter­es­sen­ge­bieten kombi­nieren lässt. Dies gilt bspw. für das Steuer­straf­recht, die Vertrags­ge­staltung im Gesell­schafts- oder Erbrecht, zivil­recht­liche Streit­ver­fahren mit steuer­lichem Bezug oder auch die spezia­li­sierte Beratung von Verei­ni­gungen aus dem Non-Profit-Bereich. Wer aus dem Steuer­recht kommt hat durchaus Vorteile, wenn er in diesen Spezi­al­be­reichen tätig werden will.

Schließlich gilt das deutsche Steuer­recht durchaus zu Recht als komplex. Den Steuer­anwalt erwarten viele spannende (ungelöste) Rechts­fragen. Hieran wird sich - trotz vielfacher Beteue­rungen der Politik – absehbar nichts ändern. Aus der anwalt­lichen Perspektive bedeutet dies: Die Arbeit wird den Steuer­rechtlern nie ausgehen.

Wie wird sich das Steuerrecht in den nächsten fünf Jahren wandeln?

Steuer­recht war lange Zeit eines der Rechts­ge­biete, das national geprägt war. Dies ändert sich durch zuneh­mende Verein­heit­li­chungen und Initia­tiven auf europäischer und inter­na­tio­naler Ebene (zum Beispiel durch Vorschläge der OECD). Der Bedarf an grenzüberschrei­tender steuer­licher Beratung wird in den nächsten fünf Jahren zunehmen.

Darüber hinaus wird das Steuer­recht sich fortent­wi­ckeln, um die wirtschaft­lichen Auswir­kungen der Digita­li­sierung abzubilden. Dies betrifft beispiels­weise die steuer­liche Erfassung von Dienst­leis­tungen oder Warenbezügen, die online erbracht oder bestellt werden. Dies eröffnet Chancen für den Nachwuchs, der sich mit solchen Geschäftsmo­dellen vielleicht besser auskennt als manch einge­fah­rener Kollege.

Was brauchen junge Anwältinnen und Anwälte im Steuerrecht, was sie in der Juristenausbildung nicht lernen?

Zunächst einmal Kennt­nisse im Steuer­recht. Denn dieses Rechts­gebiet spielt bis heute in der regulären Juris­ten­aus­bildung nur eine unter­ge­ordnete Rolle. Mit einer guten juris­ti­schen Grund­aus­bildung lassen sich diese Kennt­nisse aber schnell aneignen. Zudem kann eine gewisse Affinität zu Zahlen nicht schaden, denn ein Steuer­recht­licher muss in der Lage sein, die Dokumente zu verstehen und zu verar­beiten, die ihm aus dem eher betriebs­wirt­schaftlich orien­tierten Bereich der Steuer­be­ratung oder auch von den Betriebsprüfern und Finanzämtern zugeleitet werden.

Darüber hinaus gilt für die Steuer­recht­lerin und den Steuer­rechtler ebenso wie für die meisten anderen Anwaltstätigkeiten, dass Freude am Umgang mit Sprache und selbst­verständlich am Umgang mit Menschen die Arbeit erleichtert. Denn die beste steuer­recht­liche Lösung bringt keinen Erfolg, wenn man nicht in der Lage ist, sie überzeugend darzu­stellen und sich in seiner Argumen­tation auf die Beson­der­heiten des Gegenübers einzu­stellen – sei es im Kontakt verschie­dener Mandan­ten­typen oder mit anderen Beratern, mit Richtern, Finanz­be­amten oder auch Staatsanwälten.