Jura-Trends - Prof. Dr. Hans-Jürgen Müggenborg, Vorsit­zender des Umwelt­rechts­aus­schusses, und Claudia Schoppen, Mitglied im Umwelt­rechts­aus­schuss

Warum sollte sich der Nachwuchs für das Umwelt­recht begeistern?

Spätestens mit Eintritt in das Berufs­leben sollte jede Juristin und jeder Jurist für sich beant­worten, auf welchen Rechts­be­reich sie sich spezia­li­sieren möchten. Hierbei lohnt es sich, gerade das Umwelt­recht in die Überle­gungen einzu­be­ziehen.

Das Umwelt­recht befasst sich mit zentralen Heraus­for­de­rungen unserer Zeit. Es geht über den rein juris­ti­schen Tellerrand hinaus und hat häufig einen hochpo­li­ti­schen und tages­ak­tu­ellen Hinter­grund: Diesel­fahr­verbote, Atom- und Kohle­aus­stieg, Strom- und Gastrassen für die Energie­wende oder Plastik in den Weltmeeren. Hinter diesen Schlag­worten verbergen sich stets umwelt­recht­liche Frage­stel­lungen. Die Betätigung im Umwelt­recht bietet Juris­tinnen und Juristen die Möglichkeit, bei der Beant­wortung dieser zukunftsträchtigen Fragen mitzu­wirken.

Aber auch in kleineren Dimen­sionen ist das Umwelt­recht von zentraler Bedeutung. Ein Unter­nehmen, das aufgrund mangel­hafter Betriebs­or­ga­ni­sation in Konflikt mit dem Umwelt­recht gerät, riskiert mitunter die eigene Zukunfts­si­cherung. Ohne die erfor­der­lichen Geneh­mi­gungen darf nicht weiter produ­ziert werden. Und ein falsch angegan­gener Altlas­tenfall kann ein Unter­nehmen bis an den Rand der Existenz bringen. Der Umwelt­jurist kämpft so nicht selten um den Erhalt der recht­lichen „Geschäftsgrund­lagen“ eines Unter­nehmens. Immer wieder spielt dabei auch die Vertei­digung in umwelt­straf­recht­lichen Fällen eine Rolle. Der Schlüssel zur Lösung liegt dort regelmäßig im Umwelt-Verwal­tungs­recht und nicht im Straf­recht, denn das Umwelt­straf­recht ist verwal­tungs­ak­zes­so­risch, nimmt also in vielfältiger Weise auf die Gesetze des Umwelt­rechts Bezug. Und deren Auslegung und Anwendung ist mitunter kompli­ziert und überfordert manchmal auch Staatsanwälte. Nicht alle Staats­an­walt­schaften verfügen über spezia­li­sierte Umwelt­de­zernate.

Aber auch auf der nicht-unter­neh­mens­be­zo­genen Seite des Umwelt­rechts wartet viel Arbeit. Wer etwa Umweltverbände oder sich von Windenergie- oder sonstigen Anlagen gestört fühlende Bürger vertritt, wird hier nur erfolg­reich sein können, wenn er es versteht, auf der Klaviatur des Umwelt­rechts die richtigen Tasten zu drücken. Das gelingt dem Allge­mein­anwalt häufig nicht, da die Zusammenhänge schwierig, die Recht­spre­chung weit ausge­dehnt und immer wieder von europa­recht­lichen Fragen überlagert wird.

Jenseits der politi­schen Dimension beinhaltet die Tätigkeit im Umwelt­recht die Chance und fordert die Bereit­schaft, sich mit natur­wis­sen­schaft­lichen Aspekten zu befassen. So lassen sich die Umwelt­aus­wir­kungen von Indus­trie­an­lagen nur inter­dis­ziplinär in Zusam­men­arbeit mit Ingenieuren, Technikern und Gutachtern verschie­dener Fachrich­tungen beurteilen. Wer politisch inter­es­siert ist und sich für technische Frage­stel­lungen begeistert, ist im Umwelt­recht bestens aufge­hoben.

Welche Chancen hat der Nachwuchs im Umwelt­recht?

Umwelt­schutz gewinnt ständig an Bedeutung. Techni­scher Fortschritt und steigendes Umwelt­be­wusstsein sorgen ständig für neue Gesetz­gebung und Recht­spre­chung, nicht nur auf natio­naler, sondern auch auf inter­na­tio­naler Ebene. Viele Umwelt­pro­bleme erfordern inter­na­tio­nales Handeln. Gutes Beispiel dafür ist der Klima­schutz, der in vielen Maßnahmen auf europäischer und einzel­staat­licher Ebene umgesetzt werden muss. Umwelt­recht weist also auch viele inter­na­tionale Aspekte auf, vor allem sehr viele Berührungs­punkte zum Recht der Europäischen Union.

Aufgrund der Dynamik des Umwelt­rechts ist der Beratungs­bedarf bei Unter­nehmen, Behörden und Verbände hoch. Deshalb bietet das Umwelt­recht auch sehr gute Karrierech­ancen. Zudem ist das Umwelt­recht kein in sich abgeschlos­senes Rechts­gebiet, sondern durch­dringt nahezu alle anderen Rechts­be­reiche wie z.B. das Bau- und Planungs­recht, das Energierecht oder das Recht der Produkte. Umwelt­recht ist eine Querschnitts­ma­terie mit Berührungs­punkten zu vielen spezi­ellen Rechts­be­reichen, so dass auch die Spezia­li­sie­rungs­chancen innerhalb des Umwelt­rechts groß sind. Junge Juristen können sich so in Nischen­be­reichen sehr schnell einen Namen machen und damit den Erfolg ihrer anwalt­lichen Tätigkeit sichern. Die Bereit­schaft, an Kommen­taren mitzu­wirken und Fachaufsätze zu schreiben, erhöht hier die Chancen deutlich.

Die beruf­lichen Chancen im Umwelt­recht nehmen auch deswegen zu, weil die Zeit, in der Universitäten eigene Umwelt­rechts­lehrstühle neu aufbauten, vorbei ist. An manchen Universitäten wird Umwelt­recht nicht mehr in dem Umfang gelernt wie noch in den 1990er Jahren. Deshalb drängen auch nicht mehr so viele auf das Umwelt­recht spezia­li­sierte Juris­tinnen und Juristen auf den Markt, was ebenfalls dafür spricht, sich auf dieses Rechts­gebiet zu spezia­li­sieren.

Wie kann sich der Nachwuchs auf Umwelt­recht spezia­li­sieren?

Da es den Fachanwalt für Umwelt­recht (noch) nicht gibt, ist hier alter­nativ als Schwer­punkt das öffent­liche Recht zu wählen, möglichst mit Bezug zum Europa­recht. Die Grund­lagen des Verwal­tungs­rechts sollten beherrscht werden. Im Referen­dariat können die Stationen passend zum Umwelt­recht ausgewählt werden, etwa die Verwal­tungs­station im Umwelt­mi­nis­terium oder in der Umwelt­ver­waltung, die Anwalts­station bei entspre­chend spezia­li­sierten Anwälten und Anwältinnen und vor allem Stationen beim Verwal­tungs­ge­richt und Oberver­wal­tungs­ge­richt. Alles andere folgt im Beruf.